Wirtschaft : Theologe Johannes Hoffmann ist auf der Suche nach sozial und ökologisch korrekten Aktien

Rolf Obertreis

Dass sich die Banken davor fürchten, lässt sich schwerlich behaupten. Aber unterschätzt wird die Angelegenheit in den Glastürmen in Frankfurt mit Sicherheit auch nicht. "Wir werden die Banken einem Rating unterziehen", sagt Professor Johannes Hoffmann vom Lehrstuhl für Moraltheologie und Sozialethik am Fachbereich Katholische Theologie der Universität Frankfurt. "Raten" kommt aus dem Englischen und heißt so viel wie bewerten. Bewerten im Blick darauf welche Geschäfte die Banken machen, und wie sie diese machen. Das Urteil dient Anlegern als Basis für ihre Entscheidung, wie sie ihre Ersparnisse künftig zu vermehren gedenken. Zum Beispiel mit Bankaktien. Hoffmann geht es allerdings um eine ganz spezielle Anlegergruppe: Um die Kirche.

Seit 1993 leitet der Theologe das Projekt "Ethisch-ökologisches Rating". Mit seiner Trachtenjacke, Stehkragenhemd und weißem Bart entspricht Hoffmann zwar dem Bild, welches man sich gemeinhin von einem Moraltheologen macht. Aber wenn er spricht, glaubt man, einem cleveren Banker gegenüber zu sitzen. Hoffmann kennt sich aus, die in der Bankersprache üblichen Anglizismen gehen ihm leicht über die Lippen. Kein Wunder: Er hat nicht nur Theologie und Psychologie studiert, sondern auch Volkswirtschaftlehre. Heute ist Wirtschaftsethik sein Spezialgebiet.

Auf das Rating ist Hoffmann, das gibt er ehrlich zu, nicht allein gestoßen. Ausgerechnet drei Banker der Deutschen Bank haben ihn 1991 auf ethisches Rating aufmerksam gemacht. 1993 wurde die interdisziplinäre Forschungsgruppe aus der Taufe gehoben. Dass sich Banker mit Rating beschäftigen, ist normal, schließlich müssen sie ihren Kunden sinnvolle und erfolgversprechende Anlagetipps an die Hand geben. Neu allerdings ist die Ausrichtung des Ratings speziell auf die Kirche. Geld und Kapital hat diese durchaus. Nicht zu knapp sogar wie Hoffmann vermutet: "Das dürfte ein zweistelliger Milliardenbetrag sein." Der Theologe kennt Orden, deren Depots 20, 30 oder 40 Millionen Mark zählen. Allein der katholischen Kirche in Deutschland werden rund 320 Ordensgemeinschaften zugerechnet. Manche haben wenig Geld, manche sitzen auf beträchtlichen Mengen. Dort etwa, wo der Gemeinschaft eine Brauerei angeschlossen ist oder ein Mineralbrunnen. Mehr und mehr erkennen auch die Glaubensgemeinschaften, dass sie ihr Geld nicht irgendwie angelegen können, sondern dass damit gerade für sie eine ethisch-moralische Verpflichtung verbunden ist. Als Hoffmann unlängst das millionenschwere Portfolio der Thüringischen Provinz des Franziskanerordens durchleuchtete, musste er den Mönchen einen Rüffel erteilen. "Praktisch alle Aktien waren ethisch bedenklich." 13 Orden haben mittlerweile ihre Portfolios geöffnet und bauen auf den Rat von Hoffmann.

Gemeinsam mit seiner Forschungsgruppe und vor allem auch in Abstimmung mit Professor Gerhard Scherhorn von der Universität Hohenheim - er gehörte auch schon den fünf Wirtschaftsweisen an - hat das Team mittlerweile das Konzept für ein ethisch-ökologisches Rating ausgearbeitet. Dabei hat er sich in vielen Gesprächen mit Banken und Industrievertretern auch den Rat der "anderen" Seite geholt. Drei Begriffe stehen im Mittelpunkt: Naturverträglichkeit, Sozialverträglichkeit und Kulturverträglichkeit. Während die ersten beiden Schlagwörter längst Eingang in die Bewertung von Aktien oder anderen Wertpapieren gefunden haben - nicht nur bei der Ökobank, sondern auch bei Öko- oder Umweltfonds "normaler" Geldhäuser -, ist der Begriff "Kulturverträglichkeit" neu. Analysiert wird die kulturelle Verantwortlichkeit börsennotierter Firmen. "Unternehmen handeln auch in einem kulturellen Kontext moralischer Grundüberzeugungen, die für das ökonomische und gesellschaftliche Zusammenspiel unerlässlich sind", umschreibt Hoffmann diesen Ansatz. Wie werden Produkte dem kulturellen Umfeld angepasst, werden traditionelle Strukturen zerstört, niedrige Standards im Ausland für die Produktion oder auch für den Absatz der Produkte ausgenutzt, agieren die Unternehmen im Wettbewerb generell fair, stützen sie Korruption, dulden sie Kartellverstöße oder arbeiten sie mit irreführender Werbung? Das sind Punkte, denen nachgegangen werden soll. Am Ende der Bewertung nach diesen drei Kriterien steht für ethisch und ökologisch "saubere" Unternehmen ein A+. Und für die, deren Papiere mit Ethik und Ökologie weniger vereinbar erscheinen, ein D-.

Für sich behalten wird die Forschungsgruppe ihr Know-how nicht. "Wir wollen, dass es verbreitet wird", sagt Hoffmann. Ordensgemeinschaften oder Vertreter der katholischen und evangelischen Kirche sollen sich zusammentun, um eine Ratingagentur auf die Beine zu stellen. Insgeheim wünscht sich Hoffmann aber auch, dass sich die Experten von Banken und Investmentgesellschaften in diese Richtung bewegen und die Internet-Seite seines Projektes - www.rz.uni-frankfurt.de/fb6b/rating - nicht nur kurz anklicken.

Derzeit befasst sich die Projektgruppe mit der Aufstellung eines Musterportfolios. Dass darin Firmen fehlen werden, die mit Atomkraft, Rüstung, Alkohol und Tabak, mit Gentechnik oder Glücksspiel zu tun haben, versteht sich von selbst. Aber auch die Aktien von Beate Uhse oder des Kondomherstellers Condomi wird man vergeblich suchen. Zu den Negativkriterien gehören auch Verhütungsmittel. Es ist ein Projekt der katholischen Kirche.

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