Think Tanks : DIW bewegt sich nur im Mittelfeld

Das DIW will zu den besten Forschungshäusern Europas gehören – noch aber sind die Top-Plätze fern

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In die Welt. DIW-Präsident Klaus Zimmermann hält an der Dependance in Washington fest. Auch die Präsenz des Instituts in Peking...dpa

Berlin - Der Ehrgeiz ist groß am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Zu den besten Denkfabriken will man gehören – in Deutschland und in der Welt. Präsident Klaus Zimmermann sieht sich auf einem guten Weg: Im vergangenen Jahr haben die DIW-Leute so viele Artikel in wissenschaftlichen Fachzeitschriften veröffentlicht wie kein anderes deutsches Institut, hat er errechnen lassen. International ist dies weitgehend unbeachtet geblieben – in einer Studie, die Ruf und Einfluss von Denkfabriken in der ganzen Welt wertet, schaffte es das Berliner Institut nicht auf die Top-Plätze.

Artikel in angesehenen Zeitschriften sind ein wichtiger Maßstab in der Welt der Forscher. Auf 78 Veröffentlichungen in den rund 1000 relevanten Blättern ist das DIW nach eigener Zählung im vergangenen Jahr gekommen, so viele wie noch nie. Im Vorjahr waren es 51. Auf diese Bilanz wird Zimmermann bei der außerordentlichen Sitzung des Kuratoriums am heutigen Donnerstag verweisen.

Dennoch dürften ernste Fragen auf den Präsidenten zukommen. Denn das Hauptthema der Sitzung ist die Finanzaffäre. Bis zu sieben Millionen Euro soll das Institut falsch ausgegeben haben, wirft der Landesrechnungshof dem DIW vor. Es geht vor allem um Ausgaben für die USA-Dependance in Washington. Die hatte Zimmermann aufgebaut, um international stärker mitreden zu können. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun wegen Untreue gegen den Instituts-Präsidenten. Bund und Land fördern das DIW mit 13 Millionen Euro im Jahr. Allerdings stützt die Aufsichtsbehörde, die Senatsverwaltung für Wissenschaft, zu großen Teilen Zimmermanns Linie, wonach der Rechnungshof mit seiner Kritik weitgehend falsch liege.

Das Ansehen des DIW in der Wissenschaft ist indes nicht so makellos, wie es Zimmermann gerne hätte. In einer Studie der Universität von Pennsylvania zum Ansehen von Wirtschaftsinstituten in aller Welt landet das DIW nicht auf den vorderen Plätzen. Mehr als 300 Fachleute aus Wissenschaft, Politik, Gesellschaft und Medien haben dabei bewertet, welches der mehr als 6300 Häuser sie für wichtig und relevant in mehr als einem Forschungsfeld halten. In die engere Auswahl von 400 Instituten schaffte es das DIW zwar – an der Spitze liegt aber die Brookings Institution aus Washington, gefolgt vom Council on Foreign Relations und dem Carnegie Endowment for International Peace, deren Thema Außenpolitik ist. Das beste deutsche Institut ist die Anti-Korruptions-Organisation Transparency International (TI) auf Platz 19.

Schmerzhaft für die Berliner dürfte sein, dass in der Sparte der nichtamerikanischen Denkfabriken mehrere deutsche Institute auf vorderen Rängen platziert sind, das DIW aber nicht. Neben TI (Platz zwei) sind vertreten die Stiftung Wissenschaft und Politik (Platz zehn), die Bertelsmann-Stiftung (Platz elf), die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (Platz 16) sowie das Institut für Weltwirtschaft (Platz 17). Auch das Ifo-Institut (Platz 42) schlägt sich respektabel. Beide Institute sind DIW-Konkurrenten. Ein DIW-Sprecher sagte, aus der Studie lasse sich nicht ableiten, dass die Strategie falsch sei.

Auch im jüngsten Ökonomen-Ranking des „Handelsblatts“ schnitt das DIW dürftig ab. In der Liste der stärksten deutschsprachigen Forscher tauchen nur Präsident Zimmermann (Platz 36) und Makro-Ökonom Ansgar Belke (Platz 144) auf. Beim Nachwuchs erreichte Arbeitsmarkt-Experte Thomas Siedler Platz 100.

Hinzu kommt die Unruhe im Bereich Konjunktur, dem einstigen Kerngebiet. „Die Beratungsfähigkeit liegt am Boden“, schreibt ein ehemaliger Forscher der Abteilung an das Kuratorium. „Wenn man in der nationalen Debatte mehr und mehr marginalisiert wird, dürfte man auch international auf Dauer kaum bestehen können.“ Zuletzt hatte es das DIW zum zweiten Mal nicht in den Kreis der Institute geschafft, die Konjunkturprognosen für die Regierung schreiben. Ein weiterer Brief früherer DIW-Forscher kritisiert die Abkehr von der keynesianischen Theorie. Das Haus habe „keine wirtschaftspolitische Position mehr, über die das Nachdenken in Wissenschaft und Politik lohnte“. Einer der Verfasser ist Ex-Finanzstaatssekretär Heiner Flassbeck.

Dabei sähe sich das DIW gerne in der Top-Liga. Man sei ein „international anerkannter Think-Tank“ mit einer „hochqualifizierten Forschungskultur“, heißt es in einer Image-Broschüre. Mit den großen US-Denkfabriken wolle man „auf Augenhöhe“ gelangen, schrieb das Institut kürzlich an Berlins Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner (SPD). In einem neuen Papier für das Kuratorium zur „Zukunftspositionierung“  befindet Zimmermann, er wolle das DIW zu „einem der forschungsintensivsten, innovativsten und international am breitesten aufgestellten Wirtschaftsforschungsinstitute in Europa“ ausbauen. Der Weg dorthin führe über mehr internationale Zusammenarbeit sowie über den Ausbau der Themen Finanzmärkte, Energie, Klima, Umwelt, Arbeitsmarkt, Staat und Bildung.

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