Wirtschaft : Thomas Cook stürzt ab

Der Reisekonzern verliert drei Viertel seines Börsenwertes – an einem Tag.

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Berlin - Europas zweitgrößter Reiseveranstalter Thomas Cook kämpft ums Überleben. Das britisch-deutsche Unternehmen hat am Dienstag die für Donnerstag geplante Veröffentlichung der Geschäftszahlen auf unbestimmte Zeit verschoben. Zur Begründung hieß es in einer knappen Mitteilung der Londoner Zentrale, das Geschäft habe sich im laufenden Quartal in einigen Sparten verschlechtert. Man müsse Gespräche mit Gläubigerbanken über Kreditlinien führen. Der Kurs der Aktie brach daraufhin zeitweilig um mehr als 75 Prozent ein. Konkurrent Tui verlor mehr als zehn Prozent.

In einer Telefonkonferenz sagte Finanzvorstand Paul Hollingworth laut Agentur Reuters, sein Unternehmen benötige rund 100 Millionen Pfund, um auszuschließen, dass ihm die Banken bestehende Kredite kündigen könnten. Erst im Oktober hatte Thomas Cook kurzfristige Darlehen erhalten. Vorstandschef Sam Weinhagen beschwichtigte: „Thomas Cook hat exzellent laufende Sparten, etwa in Skandinavien und Deutschland. Ich denke, die Firma ist widerstandsfähig und hat eine großartige Zukunft.“

Mit der Thomas-Cook-Gruppe steht ein großes Stück europäischer Wirtschaftsgeschichte auf dem Spiel. Zum einen geht es zurück auf den Baptistenprediger Thomas Cook, der mit seinem im Jahre 1848 in England gegründeten Unternehmen als Erfinder der Pauschalreise gilt. Die zweite Wurzel geht zurück auf die 1963 gegründete Neckermann Versand KG, die spätere Neckermann und Reisen GmbH (NUR Touristik).

1975 übernahm die Karstadt AG die NUR und brachte diese im Jahr 2000 mit dem Chartergeschäft der Lufthansa (Condor) zusammen. 2006 nahm der Karstadt-Konzern Arcandor der Lufthansa die restlichen Anteile am Gemeinschaftsunternehmen ab und fusionierte es mit dem britischen Marktführer Mytravel. Seit der Arcandor-Pleite im Herbst 2009 gehört Thomas Cook einer größeren Gruppe Finanzinvestoren und Banken.

Zuletzt wuchs das Unternehmen weiter und übernahm im vergangenen Jahr unter anderem den Türkei-Spezialisten Öger Tours. Heute vertreibt der Konzern Reisen unter anderem über die Marken Neckermann, Öger, Bucher und Air Marien, Flüge über Condor und Hotelzimmer über die Marke Sentido.

Wer über diese Anbieter eine Reise gebucht hat, muss prinzipiell nicht fürchten, dass er im Falle einer theoretisch möglichen Insolvenz des Mutterkonzerns Geld verliert oder gar im Urlaubsort strandet. „Alle Reiseveranstalter sind verpflichtet, schon bei Anzahlung eines Teilbetrages einen sogenannten Sicherungsschein auszustellen. Damit weisen Veranstalter nach, dass sie gegen Zahlungsausfall versichert sind und auch eine Rückreise gewährleistet ist“, sagte Eva Klaar von der Verbraucherzentrale Berlin. Kevin P. Hoffmann

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