Thomas Heilmann : "Mein Handy war tapfer"

Thomas Heilmann spricht mit dem Tagesspiegel über seine Vermittlerrolle bei der Rettung von Karstadt und die Zukunft der Warenhäuser.

Thomas Heilmann.
Thomas Heilmann.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Herr Heilmann, wie fühlt man sich als Retter?

Erfreut, bei so einer netten Anrede. Aber die Rettung von Karstadt kommt erst noch – das müssen das Unternehmen und seine Mitarbeiter im Wettbewerb leisten.

Ihnen wird ein großer Anteil an der Rettung von Karstadt zugebilligt. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen lobt Sie in den höchsten Tönen.

Es war eine ziemlich große Rettungsstaffel, ich weiß gar nicht, wie viele Helfer daran beteiligt waren. Nicht zu vergessen die Mitarbeiter, die den Laden über Monate der Ungewissheit erstaunlich gut weiterbetrieben haben.

Was genau haben Sie getan?

Ich habe aufgrund einer Bitte von Frau von der Leyen zwischen Herrn Berggruen und verschiedenen Teilen von Highstreet vermittelt.

Warum gerade Sie?

Berggruen und Verdi haben im Juni die Politik zu Hilfe gerufen, weil es nicht mehr weiterging. Da hat die Ministerin jemanden gesucht, der ein Verständnis für beide Seiten entwickeln kann.

Wie haben Sie damals reagiert?

Ich dachte, warum nicht. Das kann ja nicht so lange dauern.

Wie bitte?

Zunächst ging es nur um die Höhe der künftigen Mieten. Da waren Highstreet und Berggruen nicht so weit auseinander. Doch dann musste das gesamte Konsortium der Vermieter zustimmen. Das wurden immer mehr Verhandlungen und immer mehr Investoren, mit denen geredet werden musste.

Die kamen alle zu Ihnen?

Nein, nicht alle, aber es kamen nach und nach zusätzliche Fragen mit zusätzlichen Beteiligten. Diesen Gordischen Knoten konnte man nicht zerschlagen, man musste ihn aufdröseln.

Das heißt, Sie saßen ständig im Flugzeug?

Das meiste lief über Telefonkonferenzen. Mein Handy war sehr tapfer.

Das kann ich bestätigen. Ging das die ganze Zeit so, wie jetzt während unseres Gesprächs?

Meine Familie sagt zu Recht, es war zu viel. Mal sehen, ob ich mit denen in nächster Zeit noch in ein Kaufhaus gehen darf.

Hat die Bundesregierung Karstadt gerettet?

Das können Sie von zwei Seiten sehen.

Was heißt das? Hat die Bundesregierung Karstadt nun gerettet oder nicht?

Das ist ja ein Ton fast wie unter Bankern. Im Ernst: ein klares Jein. Nein, weil kein Geld geflossen ist. Ja, weil in einer verzwickten Situation alle Beteiligten so an ihre Verantwortung erinnert wurden, dass sie zu einer Lösung kamen. Das Gemeinwesen ist so ganz nebenbei verschont worden, rund eine Milliarde Euro an Lasten allein bei der Agentur für Arbeit zu übernehmen.

Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle hatte stets betont, der Staat dürfe sich nicht einmischen.

Ich bin selbst Unternehmer und denke, der Staat soll die Wirtschaft nicht dirigieren. Wenn aber in Notfällen durch Vermittlung etwas zu erreichen ist, ist die Politik gerufen. Alles andere wäre unterlassene Hilfeleistung. Herr Brüderle hat in Interviews ja auch an die Parteien appelliert, sich endlich zu einigen. Frau von der Leyen hat dasselbe getan, nur nicht über die Medien, sondern direkt mit vielen Beteiligten.

Eckhard Cordes, den Vorstandschef von Metro, haben Sie vermutlich verärgert. Er hätte Karstadt gerne zerschlagen und einige wenige Filialen übernommen.

Sie schätzen Herrn Cordes da falsch ein. Ich habe mit ihm in der Sache mehrfach gesprochen. Auch er hat eine Lösung ohne Zerschlagung gesucht, die sich dann aber nicht realisieren ließ.

Was hatte er vor?

Ich habe Vertraulichkeit zugesichert. Daran halte ich mich.

Warum war es bei Karstadt so schwer, eine Lösung zu finden?

Weil so viele berechtigte wirtschaftliche und menschliche Interessen gegeneinanderstanden. Außerdem gab es viel Misstrauen. Highstreet wollte Karstadt erst selbst übernehmen, hat aber weniger geboten als Berggruen und deshalb nicht den Zuschlag bekommen. Bis zum Schluss haben viele befürchtet, dass Highstreet nicht zustimmt.

Warum?

Highstreet besteht aus vielen verschiedenen Parteien und es geht um viel Geld, manchmal eigenes, manchmal verwaltetes, manchmal knappes, manchmal nicht so knappes. Da werden sehr unterschiedliche Interessen verfolgt. Einer sagt Hü, der andere Hott.

Es heißt, rund 100 Unterschriften von Highstreet mussten für eine Einigung vorliegen.

Wenn Sie alle Mitglieder der Kreditausschüsse mitzählen, sind es sogar mehr als 200. Sie saßen in Asien, Europa und Amerika. Einer schlief immer und viele mussten aus dem Bett geklingelt werden. Der letzte wurde erst Freitagmorgen erreicht.

Karstadt hat diese komplizierte Konstruktion dem Ex-Arcandor-Chef Thomas Middelhoff zu verdanken, der die Warenhäuser einst verkauft hat.

Aus heutiger Sicht kann man sicher sagen, dass der Verkauf um ein Haar zum Ruin des Unternehmens geführt hätte.

Wie soll es nun weitergehen? Die Vermieter sind bestimmt verärgert. Sie dürfen Karstadt nicht übernehmen und müssen niedrigere Mieten akzeptieren.

Die Vermieter sind auch erleichtert. Highstreet hat ein hohes Interesse daran, dass Berggruen mit Karstadt erfolgreich ist. So können sie sicher sein, dass weiterhin Mieten gezahlt werden. Außerdem kann Highstreet so die Häuser verkaufen.

Die Karstadt-Immobilien sollen verkauft werden?

Highstreet plant den Verkauf aller Karstadt-Immobilien. Schon 2007 beim Verkauf von Arcandor an Highstreet war es so angelegt, dass die Häuser wieder veräußert werden und Highstreet über die Mieteinnahmen einen Gewinn erzielt. Unter Middelhoff wurde damals genau geregelt, welcher Partner wie viel des späteren Verkaufspreises bekommt. Das musste jetzt alles neu justiert werden.

Die Vermieter haben also untereinander gepokert?

Die Regelung, wann und wie die Verkaufserlöse unter den Highstreet-Gläubigern verteilt werden, war zuletzt das größte Problem in den Verhandlungen.

Wann wird denn verkauft?

Das können die Eigner nach Marktlage entscheiden. Vermutlich nicht in den nächsten zwei Jahren.

Wie geht es mit Karstadt weiter?

Jetzt übernimmt Berggruen.

Was halten Sie von ihm?

Ich habe ihn als sympathischen und verlässlichen Mann kennengelernt. Bei ihm ist ein Handschlag noch ein Handschlag. Und er scheint Fortune zu haben – das ist bei dieser Aufgabe sicher kein Fehler.

Werden Sie weiter mit ihm zu tun haben?

Indirekt. Jedes Mal, wenn ich bei Karstadt einkaufe.

Das Gespräch führte David C. Lerch

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