Wirtschaft : Thomas Lisson

(Geb. 1943)||Bequeme Schuhe für die Frauen, rote Pumps für die Männer.

Tatjana Wulfert

Bequeme Schuhe für die Frauen, rote Pumps für die Männer. Ein Ehepaar betritt ein Schuhgeschäft. Der Mann schiebt einen Schuhanzieher beiseite und lässt sich auf einen Hocker fallen. Die Ehefrau tippelt von Regal zu Regal, betrachtet einen Velourslederschuh von allen Seiten. „Liebling, wie findest du den?“ Der Mann brummt irgendetwas. Sie darauf: „Gefällt er dir nun oder nicht?“ – „Ja, ja, doch“, antwortet er stockend, „aber guck doch mal, da hinten.“ Er zeigt auf ein Paar knallrote Pumps.

Frauen kaufen diese Art Schuhe normalerweise nicht. Wenn sie es doch tun, dann den Männern zuliebe. Thomas Lisson kannte die Wünsche der Frauen und die Sehnsüchte der Männer. Keine vertrackten Theorien, er musste einfach in seinem Laden stehen und beobachten und konnte unterdessen auch noch Schuhe verkaufen. Das fiel ihm leicht.

Das Geschäft mit den Schuhen hatte er von seinem Vater gelernt. Sieben Lisson-Läden gab es in der Stadt. Während der Vater, ganz Grand Seigneur, mit Seidenschal und Einstecktuch die Kundschaft umwarb, verband sich das Verkaufstalent des Sohnes mit einer verblüffenden Ähnlichkeit zu Günter Netzer: Lange Haare, auffällige Nase, wache Augen. Ein Gesicht, das sich einprägt. Besonders den Frauen.

Nach dem Abitur zog er von der elterlichen Grunewaldvilla in ein Zimmer unterm Dach in Dahlem. Damenbesuch war dort strengstens untersagt. In der Dunkelheit trug Thomas die kleine Geliebte drei enge Stiegen hinauf, die Vermieterin hörte nur seine Schritte. Und der junge Liebhaber konnte sich oben nur noch keuchend auf einen Stuhl werfen.

Zu seinen ersten Aufgaben im Geschäft gehörte es, die Schuhe auf die verschiedenen Filialen zu verteilen. Dazu brauchte er ein Auto. Zuerst fuhr er einen Opel, später einen Volvo. Und schließlich beförderte er die Kartons im Jaguar E-Type.

Dann kam Margrit. Schön. Stark. Klug. Mit ihr wollte er sein Leben verbringen, alles teilen. Sie war Stewardess, immer unterwegs, keine Frau, die morgens Stullen schmiert, mittags die Kinder erwartet und abends den Mann. Also stand Thomas früh auf, briet seiner Tochter Eier und kochte Zitronentee. Nachmittags half er bei den Hausaufgaben. Am Abend setzte er sich ans Bett des Sohnes und sagte: „Erzähl mir von deinem Kiku.“ Und sein Sohn sprach über den Kinderkummer des Tages.

Er war direkt, sprach aus, was er dachte. Aufreibend konnte das sein. „Welche Schuhe tragen Sie da?“ Das junge Mädchen, verliebt in den Sohn, zum ersten Mal bei den Lissons, nennt irgendeine Marke. – „Also wissen Sie, was Sie da anhaben, ist, Entschuldigung, Mist.“

Er und Margrit kochten hervorragend. Schon in Studententagen bedeutete Essen mehr als nur satt zu werden. Ernährten sich seine Freunde damals aus Erascobüchsen, stellte Thomas feine Lacroixpastetchen auf den Tisch. Als die Leute in Deutschland das Wort Basilikum noch nicht einmal gehört hatten, fuhren die Lissons zu Paul Bocuse nach Lyon. Die Küche in Berlin wurde zum Mittelpunkt. Es gab dort alles: Kupfertöpfe, Fischkessel, Crêpespfannen, Souffléförmchen. Nichts davon war Dekor. Man feierte Feste, lud zu Grillabenden. Im Frühling gab es riesige Spargelessen, im Winter Grünkohl für 30 Personen.

Ostern 1999 hörte all das auf, von einem Tag auf den anderen. Margrit klagte über Magenschmerzen. Ein guter Arzt wäre das Beste gewesen. Aber Margrit hatte keinen guten Arzt. Nach einem Fehler bei der Untersuchung war in ihrem Körper und ihrem Kopf nichts mehr in Ordnung. Kein Laufen, kein Sehen, kein Hören, kein Sprechen. Sie lebte weiter, doch wie erloschen. Und Thomas, neben ihr, erlosch. Er trank zu viel, rauchte zu viel. Das Haus war leer. Margrit fehlte überall. Er, der eigentlich Labilere, hatte wohl angenommen, dass er zuerst sterben würde, nicht sie. Im Winter dachte er, der Frühling würde ihn retten, im Frühling dachte er, der Sommer würde ihn retten. Wie sollte er weiterleben, ohne diesen einen geliebten Menschen?

Seine Tochter sagt: „Als ich ihn fand, leblos in seiner Wohnung, sah ich in seinem Gesicht, dass er nicht gekämpft hat.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben