Thomas Mirow, Präsident der Osteuropabank : „Eine schwierige Phase von drei bis fünf Jahren“

Jedes Worst-Case-Szenario führt in die Irre“ Thomas Mirow, Präsident der Osteuropabank, warnt vor Hysterie. Jetzt müsse es darum gehen, Banken und Staaten gleichermaßen zu stabilisieren. Die Finanztransaktionssteuer sei ein vernünftiger Schritt.

Thomas Mirow leitet die
Thomas Mirow leitet die

Herr Mirow, fühlen Sie sich wie Josef Ackermann an den Herbst 2008 erinnert?

Jedenfalls was die Nervosität angeht. Die tatsächliche Lage ist signifikant anders als damals. Die Unternehmen der Realwirtschaft sind in viel besserer Verfassung, auch was ihre Liquidität angeht. Viele Banken haben ihre Bilanzen gestärkt. Einen bevorstehenden Crash einer wesentlichen Bank kann ich nicht sehen.

Das beurteilen manche Experten anders. Gerade haben italienische und amerikanische Banken schlechtere Ratings erhalten, auch für große europäische Banken wird erheblicher Kapitalbedarf konstatiert.

Man muss sich in der Tat fragen, ob die Kapitalausstattung für die zu lösenden Aufgaben genügt. Da habe ich Zweifel. Aber eine andere Frage ist, ob systemrelevante Banken vor dem Bankrott stehen. Dafür habe ich keine Anhaltspunkte. Es ist der Zusammenhang zwischen den Risiken der Staaten und der Kapitalausstattung der Banken, der die Lage bestimmt, und das ist ein strukturelles Problem.

Welchen Weg halten Sie denn für sinnvoller: überschuldete Staaten mit Hilfe von Bürgschaften und Krediten zu stabilisieren oder die Banken zu rekapitalisieren?

Jedes Worst-Case-Szenario führt in die Irre. Weder haben die Staaten es noch im Kreuz, eine Reihe großer Banken retten zu können, noch wäre der Finanzsektor in der Lage, einen großen Staat vor der Insolvenz zu bewahren. Wir müssen darauf setzen, dass es möglich ist, bestimmte Staaten und Banken zu stabilisieren.

Das klingt wie ein frommes Stoßgebet.

Das ist eine ganz nüchterne Analyse. In den Finanzmärkten manifestieren sich übersteigerte Hoffnungen, wenn ein Zentralbankrat tagt oder sich Finanzminister treffen. Die Märkte geben sich Illusionen hin, denn für diese Krise gibt es keine allumfassende, schnelle Zauberlösung.

Ist die Politik zu langsam für die Märkte?

Das hat nichts mit der Frage der Geschwindigkeit zu tun, auch wenn ich mir in der Euro-Zone schnellere Entscheidungen gewünscht hätte. Die Märkte erwarten von der Politik etwas, was die Politik beim besten Willen nicht leisten kann. Wenn die Politik über Schwierigkeiten spricht, wird ihr vorgeworfen, dass sie zur Nervosität der Märkte beiträgt. Versucht sie, beruhigend zu wirken, gilt sie schnell als unglaubwürdig. Wir müssen uns darauf einstellen, dass wir durch eine schwierige Zeit gehen. Das wird länger dauern, denn die globale Finanzkrise von 2008 war ein ganz, ganz tiefer Einschnitt.

Was hat die Politik in Europa überhaupt für Optionen? Das Meinungsspektrum reicht vom Ausschluss Griechenlands aus dem Euro-Raum bis zur Transferunion.

Man muss einen Schritt nach dem anderen machen. Erst muss die Troika sich ein Bild von der Lage in Griechenland machen und ihren Bericht vorlegen. Ich habe für einen Schuldenschnitt plädiert, weil aus meiner Sicht ein wirtschaftlich so schwaches Land nicht eine Verschuldung von 150 oder 160 Prozent der Wirtschaftsleistung bedienen kann. Man hat sich für einen anderen Weg entschieden, und den muss man jetzt auch austesten. Ich schließe nicht aus, dass es doch noch zu einem Schuldenschnitt kommt. Aber man darf die gesamte Problematik nicht nur auf den Euro-Raum fokussieren. Die Lage in allen Industriestaaten, vor allem auch in den USA und Japan, ist schwierig, weil sich der Wohlstand zu den Schwellenländern verschiebt. Der Effekt kommt auf die Finanzkrise noch oben drauf.

Sie schließen einen Schuldenschnitt nicht aus. Hat Griechenland eine Zukunft als Euro-Mitglied?

Ja, absolut. Die Kosten einer Rückkehr zur Drachme wären für Griechenland enorm. Es ist kaum vorstellbar, dass es Abnehmer für Drachme-Anleihen gäbe. Ein Austritt Griechenlands würde massive Spekulationen auslösen, ob nicht andere Länder folgen, und damit uns alle, besonders Deutschland, treffen.

In der EU erfüllen vor allem die neuen Mitglieder die Stabilitätskriterien des Maastricht-Vertrags. Was ist davon zu halten?

Das ist sehr interessant. In den vergangenen 20 Jahren hat sich Mittel- und Osteuropa aus einer sehr schwierigen Situation herausgearbeitet. Mit wenigen Ausnahmen haben die Länder dieser Region auf solide Haushalte geachtet. Mittel- und osteuropäische Länder bringen eine Stabilitätskultur in die Europäische Union ein. Das halte ich für sehr erfreulich.

Führt die Euro-Krise nicht dazu, dass die Beitrittskandidaten noch mal überlegen?

Die Beitrittskandidaten haben sich rechtlich verpflichtet, und sie müssen sich auf die Mitgliedschaft vorbereiten, damit sich ein Fall Griechenland nicht wiederholt. Ihr ökonomisches Interesse daran ist ungebrochen, allerdings muss die Euro-Zone die akuten Probleme lösen.

Polen leidet enorm unter der Euro-Krise, der Zloty ist abgestürzt. Das fördert doch nicht den Glauben an den Euro.

Das sehe ich genau umgekehrt. Ein mittelgroßes Land ist in einer Alleinstellung erheblichen Risiken ausgesetzt. Die aktuelle Krise zeigt, wie viel besser Polen in der Euro-Gemeinschaft aufgehoben wäre – vorausgesetzt, sie funktioniert richtig.

Sie sagen, eine längere schwierige Zeit liege vor uns. Wie schwierig und wie lang?

Eine der Lehren aus der Lehman-Pleite vor drei Jahren war, dass die Industriestaaten ihre Schulden abbauen müssen. Doch das hat gerade erst begonnen. Die Verschuldung des privaten und des öffentlichen Sektors hat kaum abgenommen. Der notwendige Schuldenabbau wird eine lange Phase geringen Wachstums zur Folge haben. Ich bin überzeugt, dass wir über eine schwierige Phase von drei bis fünf Jahren reden, bevor wir in den Industriestaaten wieder auf sicherem Grund stehen.

Stagnation oder sogar Rezession?

Eine Rezession halte ich derzeit nicht für das wahrscheinlichste Szenario, aber ausschließen kann sie niemand.

Sind die übrigen Lehren aus der Lehman-Pleite umgesetzt worden?

Bei der Bankenregulierung ist vieles in Gang gekommen, aber es fehlen noch einige Schritte. Die internationale Abstimmung hat sich als schwierig erwiesen. Die Finanzmärkte erwarten gleiche Bedingungen für alle. Der Markt für Finanzderivate und Wechselkurswetten hat weiterhin einen gefährlichen Umfang. Das sehe ich sehr kritisch.

Sie waren Berater Gerhard Schröders. In seiner Kanzlerschaft wurde der deutsche Finanzmarkt nach angelsächsischem Muster liberalisiert. Aus heutiger Sicht falsch?

Jeder, der darüber aus heutiger Sicht spricht, muss berücksichtigen, dass Deutschland Teil einer Wettbewerbslandschaft ist. Der Finanzplatz Frankfurt konkurriert mit London, New York und Singapur. Dennoch ist eindeutig: Jene Länder sind am besten durch die Krise gekommen, deren Banken sich nicht an allzu verrückten Geschäftsmodellen beteiligen konnten. Ich will aber hinzufügen, dass Deutschland – auch dank der Reformpolitik von Rot-Grün - besser dasteht als die allermeisten anderen Industrienationen.

Ist die Finanztransaktionssteuer eine Antwort? Und sie im Alleingang?

Die Finanztransaktionssteuer ist ein vernünftiger Schritt, aber niemand tut sich leicht damit. Alle werden nicht mitmachen, also müssen einige vorangehen. Die Initiative von Deutschland und Frankreich halte ich insofern für richtig. Wenn es nicht anders geht, muss die Euro-Zone die Finanztransaktionssteuer im Alleingang und dann eben ohne Großbritannien durchsetzen. Allerdings wird diese Steuer extreme Bewegungen auf bestimmten Märkten nicht verhindern.

Vor einem Jahr haben Sie gesagt: „Wenn die in der Krise sichtbar gewordenen Konstruktionsfehler jetzt beseitigt werden, gibt es keinen Grund, an der Zukunft des Euro zu zweifeln.“ Verzweifeln Sie inzwischen?

Nein. Das ist eine schwierige Situation, aber sie ist durchaus lösbar. Ich kann nur alle davor warnen, sich in eine kollektive Hysterie zu begeben.

Das Interview führten Moritz Döbler und Miriam Schröder.

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