Wirtschaft : Thyssen-Krupp ist am Zug

Der Stahlkonzern liegt im Kampf um den kanadischen Konkurrenten Dofasco zurück – die Bieterfrist läuft am heutigen Montag ab

Stefan Kaiser

Berlin - Alle schauen auf Ekkehard Schulz. Bis zum heutigen Montag müssen sich der Thyssen-Krupp-Chef und seine Vorstandskollegen entscheiden: Bietet der Stahlkonzern noch ein paar hundert Millionen mehr für den kanadischen Wettbewerber Dofasco – oder gibt er sich in einem der aufregendsten Bietergefechte der letzten Jahre dem luxemburgischen Konkurrenten Arcelor geschlagen.

Nicht nur die rund 86 000 Mitarbeiter von Thyssen-Krupp in Deutschland warten gespannt auf die Entscheidung. Für den Konzern geht es dabei nicht nur um die Übernahme eines viel kleineren Konkurrenten, sondern um die Frage, ob er künftig noch in einer Spitzenposition im internationalen Stahlgeschäft mitmischen kann. „Wenn Thyssen-Krupp bei Dofasco nicht zum Zug kommt, wird der Konzern erst mal zurückfallen“, sagt Thomas Hofmann, Analyst bei der Landesbank Rheinland-Pfalz (LRP). „Die anderen werden vermutlich weiter zukaufen.“

Die anderen – das sind die Stahlkonzerne, die das Düsseldorfer Traditionsunternehmen international überholt haben. Sie kommen aus Indien, Japan, Korea oder China – und aus Europa. Arcelor, Thyssen-Krupps Konkurrent im Wettstreit um Dofasco, ist 2001 aus der Fusion eines spanischen, eines französischen und eines luxemburgischen Stahlkonzerns hervorgegangen und ist heute der zweitgrößte Stahlproduzent der Welt.

Ende November 2005 hatte Arcelor die Übernahme von Dofasco angekündigt – ohne Zustimmung der Kanadier und deshalb „feindlich“. Thyssen-Krupp, Nummer zehn unter den Stahlkonzernen, kam Dofasco daraufhin als so genannter „Weißer Ritter“ zu Hilfe. In Absprache mit den Kanadiern übertrumpften sie das Angebot von Arcelor. Damals ging es um 61 kanadische Dollar pro Aktie – also rund 3,5 Milliarden Euro Gesamtpreis. Mittlerweile, sechs Wochen und einige Bieterrunden später, hält Dofasco wieder das Höchstgebot von jetzt 71 kanadischen Dollar pro Aktie – also rund 4,1 Milliarden Euro. Zudem wird das Angebot von Dofasco auch nicht mehr als feindlich eingestuft. Die Bedingungen gleichen denen der letzten Thyssen-Krupp-Offerte.

Bis zu diesem Montag haben die Düsseldorfer Zeit nachzulegen. Und obwohl die meisten Experten einen Preis über 71 Dollar für zu hoch halten, rechnen viele damit, dass das Bietergefecht weitergeht. „Es wird zwar zunehmend schwerer, die Investoren zu überzeugen, dass der Preis gerechtfertigt ist“, sagt Winfried Becker, Stahl-Analyst bei Sal. Oppenheim. „Aber ich würde nicht ausschließen, dass beide nachlegen.“ Sein Kollege Hofmann von der LRP verweist auf die kanadischen Dofasco-Aktionäre, die ebenfalls damit rechneten, dass zumindest Thyssen-Krupp sein Angebot noch einmal erhöhen wird.

„Es ist für Thyssen-Krupp eine gute Chance, sich ein Standbein in Nordamerika zu schaffen“, erklärt Hofmann. Dort ist der größte deutsche Stahlkonzern nämlich noch schwach vertreten. Dabei hält gerade die US-Autoindustrie viele Abnehmer für Qualitätsflachstahl bereit, wie ihn Thyssen-Krupp und Dofasco produzieren. Vor allem zum japanischen Autobauer Honda, der in den USA produziert, unterhält Dofasco enge Geschäftsbeziehungen. Und die Kanadier haben noch eine weitere Perle: ein Erzbergwerk im Wert von rund 1,4 Milliarden Dollar. Das wäre sowohl für Thyssen-Krupp als auch für Arcelor attraktiv, weil die Stahlkonzerne ihre Abhängigkeit von den großen Rohstofflieferanten verringern wollen.

Der Druck auf Thyssen-Krupp-Chef Schulz wächst: Einerseits läuft er Gefahr, mit einem überteuerten Gebot die Aktionäre zu verstimmen. Andererseits muss er wachsen, wenn er mit den Großen mithalten will. Die kaufen weiter kräftig zu. „Die Stahlbranche ist sehr fragmentiert“, erklärt Analyst Becker, „der Konzentrationsprozess wird weitergehen.“ Thyssen-Krupp war bisher nur Zuschauer und will nun unbedingt mitmischen. „Wenn der Konzern so bleibt, wie er ist, wird er in zehn Jahren nicht mehr unter den Top 20 bei der Rohstahlproduktion sein“, schätzt Experte Hofmann.

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