Wirtschaft : Thyssen-Krupp künftig ohne Edelstahl

Finnen übernehmen Sparte mit 12 000 Mitarbeitern.

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Berlin - Endlich ein Erfolgserlebnis für Heinrich Hiesinger: Der seit gut einem Jahr amtierende Vorstandsvorsitzende von Thyssen-Krupp ist den dicksten Brocken seines Verkaufspakets losgeworden. Der finnische Wettbewerber Outokumpu übernimmt 70,1 Prozent an der Edelstahlsparte des Essener Konzerns mit ihren knapp 12 000 Mitarbeitern, davon gut die Hälfte in Deutschland. Während die Anleger den Verkauf begrüßten – die Aktie von Thyssen–Krupp gehörte zu den gefragtesten Papieren im Dax –, verlieren rund 400 Beschäftigte in Krefeld ihren gewohnten Arbeitsplatz. Ein Teil der Produktion wird eingestellt, den Beschäftigten ein Ersatzarbeitsplatz im Konzern angeboten; für die kommenden vier Jahre sind betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen. Trotzdem sprach der Betriebsrat von einer „herben Enttäuschung für die Krefelder Belegschaft“.

Bereits im Mai vergangenen Jahres hatte Hiesinger angekündigt, im Rahmen einer „Portfolio–Fokussierung“ Geschäftsbereiche des Konzerns mit insgesamt 35 000 Mitarbeitern und rund zehn Milliarden Euro Umsatz verkaufen zu wollen. Neben dem Edelstahl sind das vor allem Zulieferer der Autoindustrie. Hiesinger will damit den Schuldenstand reduzieren und gleichfalls Mittel für Investitionen in Technologiebereiche (Aufzüge, Maschinen- und Anlagenbau) generieren. Mit dem jetzt abgeschlossenen Geschäft gelingt ihm das: Für die gut 70 Prozent der Edelstahlsparte bekommt Thyssen-Krupp von Outokumpu eine Milliarde Euro in Bar; ferner übernehmen die Finnen Verbindlichkeiten. Über die Details des Geschäfts wollen Hiesinger und sein finnischer Kollege Mika Seitovirta am heutigen Mittwoch in Düsseldorf informieren. Mit der Übernahme setzten sich die Finnen mit mehr als zehn Milliarden Euro Umsatz und rund 18 000 Beschäftigten an die Spitze des Weltmarktes vor der Arcelor-Mittal-Tochter Aperam. Outokumpu will nach der Übernahme und der Zusammenführung der Firmen spätestens von 2017 an rund 250 Millionen Euro im Jahr sparen. Neben den Stellenstreichungen sollen dazu Einsparungen beim Einkauf und im Vertrieb beitragen. Die Börse in Helsinki beeindruckten diese avisierten Synergien nicht. Vielmehr ließen die Modalitäten der Finanzierung die Outokumpu-Aktie am Dienstag um rund elf Prozent abstürzen: Seitovirta will mit einer Kapitalerhöhung die eigenen Aktionäre für den deutschen Edelstahl zahlen lassen.

Hiesinger kann das egal sein. Er schleppt eine Schuldenlast von rund fünf Milliarden Euro mit sich herum, der auf die beiden neuen Stahlwerke in Brasilien und den USA zurückgeht. Beide Anlagen waren viel teurer als geplant und verursachen auch rund anderthalb Jahre nach der Inbetriebnahme noch immer Anlaufverluste. Im vergangenen Geschäftsjahr (zum 30. September 2011) schrieb Hiesinger gut zwei Milliarden Euro auf die Stahlwerke ab, was zu einem Jahresverlust von 1,8 Milliarden Euro führte. Auch ein Verkauf der brasilianischen Anlage, die allein 5,2 Milliarden Euro gekostet hat, wird inzwischen nicht mehr ausgeschlossen. Alfons Frese

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