Wirtschaft : Thyssen soll bei Leuna geschmiert haben

MÜNCHEN (AFP/Tsp).Der Thyssen-Konzern soll nach Informationen des Nachrichtenmagazins "Focus" tief in die Schmiergeld-Affäre um den Verkauf der Leuna-Raffinerie an den französischen Konzern Elf-Aquitaine verstrickt sein.Wie das Münchner Magazin am Sonnabend vorab meldete, soll die Thyssen Handelsunion 1993 rund 38 Mill.DM auf Bankkonten überwiesen haben, die von Elf nach Ansicht der französischen Ermittlungsbehörden für Schmiergeld-Zahlungen nach Deutschland benutzt wurden.Elf hatte nach dem Kauf der Leuna-Raffinerie und der ostdeutschen Minol-Tankstellen der Thyssen-Tochter Rheinstahl Technik (TRT) 1992 den Zuschlag für den Neubau der Anlage in Sachsen-Anhalt gegeben.

Die französische Justiz ermittelt wegen des Leuna-Minol-Deals schon seit längerem gegen mehrere frühere Elf-Manager.In Presseberichten war auch wiederholt von Schmiergeldzahlungen an die CDU die Rede gewesen.Die Partei hat dies stets dementiert.Wie "Focus" jetzt berichtete, sollen Elf und Thyssen im Zusammenhang mit dem Geschäft eine geheime Vereinbarung getroffen haben, die sie 1993 bei einem Rechtsanwalt in Zürich hinterlegten.Demnach hätten beide Konzerne ingesamt rund 115 Mill.DM für angebliche "Studienkosten" beim Leuna-Projekt bereitgestellt; Thyssen sei an diesem Betrag mit 38 Mill.DM beteiligt gewesen.

Laut "Focus" stehen die vermuteten Schmiergeldzahlungen offenbar in Zusammenhang mit erhöhten Subventionen für das Leuna-Projekt.Neben den offiziell gewährten Fördergeldern in Höhe von rund 1,4 Mrd.DM habe Elf Aquitaine in neun Fällen insgesamt 1,5 Mrd.DM an Beihilfen erhalten.Bereits die offiziell gezahlten Subventionen seien nach Angaben von Experten um mindestens 200 Mill.DM zu hoch.Der deutsche Steuerzahler sei beim Leuna-Neubau folglich um bis zu 1,7 Mrd.DM geschädigt worden.Die Brüsseler EU-Kommission ermittelt gegen Elf-Aquitaine wegen möglicher überhöhter staatlicher Beihilfen beim Neubau in Leuna.

Der Thyssen-Konzern ist in der Vergangenheit immer wieder in Verbindung mit unkorrekten Geschäften während und nach der Wiedervereinigung gebracht worden.So wurde der ehemalige Thyssen-Chef Dieter Vogel im September 1996 verhaftet, weil Thyssen bei der Abwicklung des DDR-Metallurgiehandels die Treuhandanstalt um 73 Mill.DM gebracht haben soll.Thyssen hatte zwar schon im Jahr zuvor 175 Mill.DM zurücküberwiesen, doch den Verdacht, sich an der Abwicklung des AHB-Metallurgiehandels bereichert zu haben, waren die Thyssen-Manager nicht losgeworden.

Auch für Vogel persönlich blieb die Auseinandersetzung um die angeblich unkorrekte Abrechnung nicht folgenlos.Er wurde gegen eine Kaution aus der Haft entlassen, doch der Makel einer drohenden Verurteilung blieb: Während der Fusionsverhandlungen zwischen dem Krupp-Konzern und Thyssen wurde immer wieder diskutiert, ob ein Vorstandschef, der sich nur nach Rücksprache mit der Polizei ins Ausland begeben darf, dem neuen Konzern vorstehen solle.Vogel verzichtete in diesem Frühjahr auf den Chefsessel des künftigen Unternehmens Thyssen / Krupp.

Mehr lesen? Jetzt gratis E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben