Wirtschaft : Thyssen sticht in See

Mit HDW legt der Konzern den Grundstein für einen Werftenverbund

Dieter Fockenbrock

Berlin - Eine Fusion ganz nach dem Geschmack des Kanzlers. Thyssen-Krupp übernimmt die Kieler Werft HDW. Damit ist der Grundstein für einen neuen europäischen Industriechampion gelegt. Durch den Zusammenschluss entsteht ein Werftenriese für den zivilen und für den Marineschiffbau mit 9300 Beschäftigten und 2,2 Milliarden Euro Umsatz. Weitere Partner – vor allem in Frankreich – sollen angedockt werden.

Denn erst dann würde der Traum Gerhard Schröders (SPD) von einer „EADS zu Wasser“ Realität. Diese Vision teilt er mit Jaques Chirac, der wohl gerne den französichen Rüstungskonzern Thales in den Werftenverbund eingebunden sähe. Der Luft- und Raumfahrtkonzern EADS gilt derzeit als Vorzeigefall deutsch-französischer Kooperation. Frankreichs Staatschef ist bei der Konstruktion industrieller Kerne bislang recht erfolgreich. Das belegt die staatlich beförderte Fusion Sanofi-Aventis. Schröder übt noch ein wenig mit den deutschen Banken.

Noch aber steht der Werftenriese im Europaformat nicht. Allein in Deutschland brauchte es ein Jahrzehnt, bis die beteiligten Manager bereit waren, Eitelkeiten auf- und Kompetenzen abzugeben. Auch für die neue Verbindung Thyssen-HDW fehlt noch ein industrielles Gesamtkonzept.

Erst ein amerikanischer Finanzinvestor musste an der deutschen Küste auftauchen, um die Neuordnung der Branche in Gang zu setzen. Der Maschinenbauer Babcock-Borsig hatte die Werft vor zwei Jahren an die US-Gruppe One Equity Partners (OEP) verkauft. Im nächsten Schritt drohte HDW, die als Weltmarktführer für nichtatomare U-Boote gilt, an den US-Rüstungskonzern Northrop Grumman verscherbelt zu werden – und galt deshalb für eine europäische Lösung als verloren. Die Bundesregierung konnte gegen den Verkauf an OEP rechtlich nichts unternehmen. Sie änderte aber als Reaktion das Außenwirtschaftsgesetz. Firmen mit strategischer Bedeutung können jetzt nur mit Zustimmung der Regierung ins Ausland verkauft werden.

Jetzt hat der Stahlkonzern Thyssen-Krupp die Amerikaner für eine deutsche Lösung für die Werften gewinnen können. Dabei dürfte allerdings auch eine Rolle gespielt haben, dass HDW – laut Handelsblatt-Informationen – im vergangenen Jahr tiefrote Zahlen geschrieben hat und auch in diesem Jahr erwartet. Die US-Investoren bekommen trotzdem 240 Millionen Euro in bar und 25 Prozent am neuen Verbund, Thyssen-Krupp die restlichen 75 Prozent. Der Konzern bringt die Werften Blohm & Voss sowie Deutsche Nordseewerke ein, HDW den schwedischen Fregattenbauer Kockums.

Ironie der Geschichte ist es, dass ausgerechnet am Tag der Bekanntgabe der Fusion ein anderes Werftenkapitel abgeschlossen wurde. Am Montag wurde der Bremer Vulkan endgültig abgewickelt. Dessen Chef, Friedrich Hennemann, träumte einst von einem großen Verbund an Nord- und Ostsee. Der Traum endete 1996 mit einer der größten deutschen Industriepleiten.

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