Wirtschaft : Tiefe Verbitterung in der IG Metall

Streikführer Düvel denkt nach dem Tarifdesaster nicht an Rücktritt/Vorstand diskutiert die Rolle von Jürgen Peters

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Berlin (alf). In der IG Metall begann am Sonntag die Analyse der Niederlage im Arbeitskampf um die 35Stunden-Woche. Die Tarifkommission der Gewerkschaft traf am Nachmittag zusammen, um sich von Streikführer Hasso Düvel das Desaster erklären zu lassen. Düvel beschrieb später auf einer Pressekonferenz die Gemütslage der Metaller mit „tiefe Verbitterung und viel Stolz“. Er selbst habe Applaus bekommen. Am Abend beschäftigte sich der 41 Personen umfassende Vorstand der Gewerkschaft mit den Konsequenzen aus der Niederlage. In IG-Metall-Kreisen galt als sicher, dass der Rückzug Düvels nur eine Frage der Zeit sei. Viel entscheidender sei jedoch, ob der zweite Vorsitzende der IG Metall, Jürgen Peters, nach der historischen Tarifschlappe seine Kandidatur für den ersten Vorsitz der Gewerkschaft aufrechthalten könne. Am frühen Sonnabend waren die Verhandlungen um die Einführung der 35-Stunden-Woche in Ostdeutschland gescheitert. Die IG Metall kapitulierte daraufhin und blies den Streik in Sachsen, Brandenburg und Berlin ab.

Am Sonntag schwirrten unterschiedliche Erklärungen für das Scheitern der Verhandlungen durch die Metallerszene. In IG-Metall-Kreisen gab es Vorwürfe, der Gewerkschaftsvize Peters habe sich „verzockt“ und das Scheitern der Verhandlungen provoziert. Peters habe auf einen Stufenplan Richtung 35 Stunden für die Großunternehmen bestanden, obwohl klar gewesen sei, dass sich die Arbeitgeber darauf nicht einlassen würden. Eine andere Variante gibt den Arbeitgebern die Schuld: Bereits am Donnerstag beim Spitzengespräch zwischen Klaus Zwickel und Gesamtmetall–Präsident Martin Kannegiesser sei eine Lösung ausgetüftelt worden. Doch im Verlauf der langen Verhandlungsnacht hätten die regionalen Arbeitgeber, also die Vertreter der ostdeutschen Metallverbände, davon „nichts mehr übrig gelassen“, wie ein Gewerkschafter sagte. Dem widersprach ein Arbeitgebervertreter: Man habe das eigene Angebot sogar noch aufgestockt und eine Arbeitszeitverkürzung von einer Stunde in einem ersten Schritt offeriert; ursprünglich wollten die Arbeitgeber nur eine halbe Stunde zugestehen.

Ein Stufenplan für Großbetriebe sei für die Arbeitgeber nicht in Frage gekommen, „weil das den Verband auseinandergerissen hätte“. Was die Zukunft des Flächentarifs (siehe Lexikon) anbelangt, bemühten sich beide Seiten um Schadensbegrenzung. Zwar wird erwartet, dass große Streikbetriebe wie VW, ZF Getriebewerk in Brandenburg und VDO Siemens in Sachsen demnächst einen Haustarifvertrag bekommen. Wenn es dabei bleibe und keine weiteren Betriebe Haustarife bekämen, dann behalte der Flächentarif auch im Osten seine Breitenwirkung, so die Einschätzung. Düvel kündigte an, dass „weitere Haustarifverträge anstehen“. In der IG Metall gibt es die Befürchtung, dass Düvel und Peters die Niederlage relativieren wollen, indem sie in vielen Großbetrieben noch Haustarife über die 35 Stunden erreichen und damit den Flächentarif beschädigen.

Düvel gab sich am Sonntag kämpferisch. Die Arbeitgeber hätten die Verhandlungen „bewusst vor die Wand gefahren, um die IG Metall mal richtig zu ramponieren“. Es sei für ihn ein „fürchterlicher Umstand“ gewesen, dass es in der vergangenen Woche Kritik der Betriebsratschefs von Opel und Daimler-Chrysler an der Streikstrategie gegeben habe. Die dann folgende Debatte hätten die Arbeitgeber „als Aufforderung verstanden, der IG Metall richtig eine mitzugeben“. Düvel schlussfolgerte, es seien äußere Bedingungen gewesen, die zur Niederlage geführt hätten. Der Frage nach persönlichen Fehlern und Konsequenzen wich er aus. „Wir werden den Konflikt intern aufbereiten.“ Folgen für Personen und Funktionen seien „alles Fragen eines längeren Prozesses“.

Auf der am Abend in Berlin anstehenden Vorstandssitzung der IG Metall erwarte er die „ein oder andere kritische Debatte“, sagte Düvel. Zu der Sitzung waren auch die Bezirksleiter der IG Metall angereist – mit einer Ausnahme: Berthold Huber. Der Stuttgarter Gewerkschaftschef, den viele Metaller lieber als Peters an der Gewerkschaftsspitze sehen würden, ist erkrankt. Huber schaltete sich aber telefonisch in die Vorbereitung des Vorstandstreffens ein. Von den sieben Bezirksleitern sind mit Ausnahme von Hartmut Meine (Niedersachsen) und Hasso Düvel alle auf Hubers Seite. Deshalb wurde erwartet, dass aus dem Kreis der Bezirksleiter der erste Stein auf Peters geworfen würde, um diesen zur Rücknahme seiner Kandidatur für den ersten Vorsitz zu bewegen. Bis Redaktionsschluss dauerte die Vorstandssitzung an.

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