Wirtschaft : Tiefe Vertrauenskrise am Neuen Markt

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Der Skandal um das Telematik-Unternehmen Comroad hat den Neuen Markt tief erschüttert. Bis zum Handelsschluss fiel der Börsenindex Nemax 50 um 2,77 Prozent auf 908,01 Punkte. Das ist der tiefste Stand seit Oktober vergangenen Jahres. Im Tagesverlauf war der Index sogar bis auf 895,33 Punkte gefallen. Dagegen konnte sich der Deutsche Aktienindex gestützt von freundlichen Kursen an der Wall Street behaupten. Der Dax legte um 0,52 Prozent zu..

Keine Entwarnung gab es dagegen für den Neuen Markt. Am Freitag zog der Bilanzskandal um Comroad weitere Kreise. Nachdem das Unternehmen fast den gesamten Umsatz des vergangenen Jahres erfunden hat, vermuten Finanzexperten, dass auch die Umsätze in den Jahren 1998 bis 2000 zu einem Großteil nicht existierten. Anders als die Bilanz des vergangenen Jahres sind die Abschlüsse der Vorjahre jedoch von den Wirtschaftsprüfern der Gesellschaft KPMG testiert worden.

Während Aktionärsschützer Kleinanleger vor einem Engagement am Neuen Markt warnten, sieht die Deutsche Börse selbst keinen Handlungsbedarf. Fünf Jahre nach seiner Gründung sei das Marktsegment eine Erfolgsstory, hieß es bei der Deutschen Börse. Die bestehenden Regeln, die für Transparenz sorgen sollen, hätten sich bewährt. Der Fall Comroad ändere daran nichts. Das sehen Aktionärsvertreter anders. "Comroad wird nicht der letzte Börsenskandal am Neuen Markt bleiben", kritisierte Anneliese Hieke, Vorsitzende des Vereins Aktionärinnen eV. Die fehlende Kontrolle der Unternehmen und die zu geringen Anforderungen an den Börsenprospekt führten dazu, dass viele Börsengänge auf Luftnummern basierten. "Statt des Börsenprospekts könnte man auch ein Märchenbuch schreiben", sagte Hieke. Schuld seien neben den Wirtschaftsprüfern auch die Konsortialbanken. Statt die Börsenkandidaten gewissenhaft zu überprüfen, interessierten sich die Banken nur für die Einnahmen aus dem Börsengang.

Geprellte Comroad-Anleger können zumindest auf die Hilfe ihrer Rechtsschutzversicherung hoffen. In einem am Freitag veröffentlichten Urteil verpflichtet das Landgericht München (AZ 4 O 18021/01) die Rechtsschutz Union Versicherung, einem Anleger Rechtsschutz für dessen Schadenersatzklage gegen die Deutsche Telekom zu gewähren. Der Aktionär hatte gegen die Telekom geklagt, weil das Unternehmen seiner Ansicht nach in den Börsenprospekten für die zweite und dritte Tranche nicht auf die Immobilienrisiken hingewiesen hatte. Für diesen Prozess wollte die Rechtsschutzversicherung ihrem Kunden die Deckung versagen - zu Unrecht, wie das Landgericht München meint.

Anlegeranwalt Peter Gundermann von der Tübinger Kanzlei Tilp & Kälberer hält das Urteil für eine Grundsatzentscheidung, die "weitreichende Auswirkungen auch für die Fälle des Neuen Marktes wie etwa Comroad, EM.TV, Intershop und Informatec" habe. Denn oft klagen Anleger nicht, weil sie Angst vor dem Prozessrisiko und den Kosten haben. Auch im Fall Comroad seien durchaus Schadenersatzansprüche möglich.

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