Tierfriedhöfe in Deutschland : Zu Besuch im Tierhimmel

Der letzte Gang: Wenn Hund oder Katze sterben, werden sie geschreddert. Oder finden Platz auf einem Tierfriedhof. Schon jedes zehnte Haustier wird dort begraben. Ein Besuch.

von
Es gibt Urnen mit Fotodruck und Urnen mit Swarovski-Kristallen in Tatzenform. Für 1700 Euro kann man die Asche seines Tieres zu Diamanten pressen lassen.
Es gibt Urnen mit Fotodruck und Urnen mit Swarovski-Kristallen in Tatzenform. Für 1700 Euro kann man die Asche seines Tieres zu...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Im Tierhimmel ist sonntags Bereitschaftsdienst. Wenn das Telefon klingelt, will der Mann in Schwarz wissen: Wie groß? Wie schwer? Dann fährt er mit einem breiten Weidenkorb im Kofferraum los, um den Leichnam abzuholen.

Am Montag um halb elf sieht der Verstorbene aus, als schliefe er. Die Vorderbeine unter der Brust angewinkelt, den Kopf in das weiße Kissen geschmiegt. Eine rote Rose liegt auf der Baumwolldecke. Leise Klaviermusik spielt, während nebenan der Ofen warmläuft.

Toulouse war ein zugänglicher Hund. Er hatte keine Probleme mit anderen Rüden, war zärtlich zu seinen Menschen. Er behütete sie wie eine Herde, zog gern Kreise um sie. Es steckte ihm im Blut: Sein Großvater hatte in den Pyrenäen noch Schafe gehütet.

Als er zu ihnen kam, wenige Wochen alt, da nahmen die Krugs* den Atlas und ließen den Finger über dem Gebirge kreisen. Sie landeten etwas zu weit nördlich. Von da an hieß er Toulouse.

Kamen die Söhne aus der Schule, fragten sie zuerst: Wo ist er? Herr Krug machte morgens um fünf den ersten Gang mit ihm, Frau Krug traute sich an seiner Seite spät abends raus. Toulouse war alt, aber er schnüffelte noch mit der Neugier eines Welpen, sobald er eine Fährte aufnahm.

Anfang der Woche waren sie noch spazieren gewesen

Am Mittwoch lief Blut aus seiner Nase. Ein Nierentumor, nicht operabel. Die Krugs fütterten den schwächer werdenden Hund aus der Hand, trugen ihn hinaus ins Gras. Am Freitag hob er ein letztes Mal das Bein.

Als er nicht mehr auf ihre Stimmen reagierte, riefen sie die Ärztin. „Mit Toulouse starb ein Familienmitglied“, sagt Frau Krug.

Ralf Hendrichs weiß, wie die Krugs sich fühlen. Sein erster Hund wurde durch Rattengift getötet. Damals ging alles sehr schnell. Der leblose Körper des Dobermanns blieb in der Tierarztpraxis. „Zu Hause krochen meine Frau und ich auf dem Teppich herum, um ein paar Haare als Andenken zusammenzuklauben“, erzählt er. Da sei ihr die Idee mit dem Tierfriedhof gekommen.

Heute, 14 Jahre später, erstreckt sich das Gelände des Tierbestattungszentrums Tierhimmel in Teltow über 10 000 Quadratmeter. Als Immobilienmakler kam Hendrichs günstig an ein Grundstück, kaufte nach und nach angrenzende dazu. Ehe er aber die Genehmigung hatte, vergingen fünf Jahre. „Damals war das kein verbreitetes Geschäftsmodell“, sagt er. Inzwischen gibt es sechs Tierfriedhöfe im Raum Berlin.

450 Millionen registrierte Haustiere leben in Deutschland. Jedes Jahr sterben rund viereinhalb Millionen. Während die klassischen Friedhöfe wirtschaftlich in Nöte kommen, weil die Hinterbliebenen es möglichst kostengünstig und pflegeleicht haben wollen, verzeichnen Tierfriedhöfe wachsenden Zulauf. „Den ungeliebten Onkel muss, das Haustier will man bestatten“, sagt Hendrichs. Er ist zugleich zweiter Vorsitzender des Bundesverbands der Tierbestatter. 150 Tierfriedhöfe zählt der bundesweit.

3000 Tiere bestattet Hendrichs im Jahr

Schon jedes zehnte Haustier findet auf einem von ihnen Platz. Immer mehr Menschen wünschen sich einen würdevollen Abschied für ihr Tier. Mit 120 Toten im Jahr hat der Tierhimmel angefangen, jetzt sind es fast 3000.

Während Toulouse am Montagmorgen im „Raum der Stille“ aufgebahrt wird, herrscht draußen reger Betrieb. Eine Frau mittleren Alters pflanzt Heidekraut. Auf dem Grabstein steht: „In Liebe und Dankbarkeit. Lissy“. Die Felder sind nach Größe geordnet. Vorne rechts liegen die Kleintiere, Yorkshire-Terrier und Katzen, gegenüber, wo ein älteres Paar mit einer Harke zugange ist, die Neufundländer.

Der Tierfriedhof in Teltow
Das Tierbestattungszentrum "Tierhimmel" in Teltow ist der größte Tierfriedhof in Brandenburg und Berlin, der auch über ein Krematorium verfügt.Weitere Bilder anzeigen
1 von 14Foto: Kitty Kleist-Heinrich
18.11.2014 13:36Das Tierbestattungszentrum "Tierhimmel" in Teltow ist der größte Tierfriedhof in Brandenburg und Berlin, der auch über ein...

Auf öffentlichen Grünflächen ist es nicht erlaubt, sein Tier zu verscharren. Nicht jeder hat einen Garten. Im Verwaltungsgebäude des Tierhimmels informieren die Helfer über die Möglichkeiten. Die Erdbestattung für einen Hund und ein zweijähriger Pachtvertrags kosten je nach Größe zwischen 240 und 300 Euro. Ein Hamstergrab, das meist Kindern zuliebe angeschafft wird, nur 50 Euro – „da zahlen wir drauf.“ Die Schiffchen für die Seebestattung bastelt ein Mann aus Papyrus mit wasserlöslichem Kleber.

Tiere, die in einer Tierarztpraxis zurückbleiben, werden in Sammelstellen überführt, von wo aus die Kadaver containerweise zu Tierkörperbeseitigungsanstalten gekarrt werden. Von großen Maschinen werden sie dort zusammen mit Schlachtabfällen zerkleinert. Aus den Fetten, die so gewonnen werden, stellt die chemische Industrie Seifen her. Man muss keine alte Dame mit Kätzchengardinen sein, um diesen Gedanken unangenehm zu finden.

5 Kommentare

Neuester Kommentar