Tierschutz : EU will ihr Verbot von Legebatterie mit Macht durchsetzen

Deutschland könnte dann beispielsweise keine Eier mehr aus Polen importieren. Verbraucherministerin Aigner unterstützt die harte Linie der Kommission. Es droht die Krise am Frühstückstisch.

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Nach dem Willen der EU soll es bald keine Eier aus Legebatterien-Produktion mehr geben.
Nach dem Willen der EU soll es bald keine Eier aus Legebatterien-Produktion mehr geben.Foto: CMA

Zenon Skrzypczak ist verzweifelt. „Wenn diese EU-Bestimmung in Kraft tritt, steht es schlimm um uns“, stammelt er und wirft die Hände in die Höhe, als wolle er eine höhere Macht anflehen, doch noch etwas an seiner prekären Lage zu ändern. Der Firmenleiter der größten polnischen Eierfarm fürchtet sich vor einem Exportverbot – vor allem nach Deutschland. 60 Prozent der fünf Millionen Eier, die Skrzypczaks Firma „Fermy Wozniak“ täglich produziert, gehen in den Export. Ab dem 1. Januar 2012 aber, so haben es die Agrarminister der Europäischen Union schon vor langer Zeit beschlossen, ist die konventionelle Käfighaltung verboten, und die Eier aus den Legebatterien dürfen nicht mehr nach Deutschland oder in andere EU-Länder exportiert werden.

Das Problem: Rund 70 Prozent der Hühner werden in Polen noch in Käfigen des alten Typs gehalten, schätzen Brancheninsider, die Umrüstung geht nicht nur bei Bauer Skrzypczak schleppend voran. Neben Polen werden elf weitere Länder – darunter Frankreich und Italien – das Käfigverbot nicht fristgerecht umsetzen. „Im Moment werden EU-weit noch etwa 40 Prozent aller Hennen in den alten Käfigen gehalten“, berichtet Esther Müller vom Deutschen Tierschutzbund. Wie Bauer Skrzypczak hoffen die Geflügelbarone in Belgien, Portugal oder Ungarn auf eine Ausnahmeregelung aus Brüssel. Vergeblich. „Die Kommission hat nicht vor, den Stichtag für das Verbot zu verschieben“, sagte Aikaterini Apostola, Sprecherin von EU-Verbraucherkommissar John Dalli, dem Tagesspiegel. Im Gegenteil. „Die Kommission wird nicht zögern, Vertragsverletzungsverfahren gegen die betroffenen Länder einzuleiten“, droht Apostola – falls nötig, schon während der ersten Monate des neuen Jahres. EU-Kommissar Dalli hat die Geduld verloren. Bereits 1999 hatte sich die EU auf ein Verbot der konventionellen Käfighaltung verständigt, zwölf Jahre Vorlauf, so meint Dalli, müssten reichen. Dass einige Länder die Umstellung dennoch nicht schaffen, sei „absolut inakzeptabel“, meint seine Sprecherin.

Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) unterstützt die harte Linie der Kommission. „Es darf im europäischen Tierschutz keine Rolle rückwärts geben“, sagte die Ministerin dem Tagesspiegel. Das ab 2012 gültige EU-weite Vermarktungsverbot für Eier von Legehennen aus konventionellen Käfigen gelte auch für verarbeitete Lebensmittel. „Da darf es keine Ausnahmen geben“, betont die deutsche Ministerin. „Betriebe, die wie vorgegeben die herkömmliche Käfighaltung abgeschafft haben, dürfen nicht wirtschaftlich benachteiligt werden“, fordert Aigner mit Blick auf die deutsche Geflügelwirtschaft, die schon vor zwei Jahren die engen Käfige abgeschafft hat.

550 Quadratzentimeter. So viel Platz hat ein Huhn in dem konventionellen Käfig – das entspricht etwa einem DIN-A4-Blatt. Als Ersatz dafür sieht die EU nun eine sogenannte Kleingruppenhaltung vor, bei der der einzelnen Henne knapp 900 Quadratzentimeter bleiben. Außerdem werden die Käfige hier in Nest, Einstreuflächen und Sitzstangen aufgeteilt. Experten schätzen, dass derzeit etwa 15 Prozent der deutschen Hennen – die meisten davon in Niedersachsen und Bayern – in den Kleingruppen gehalten werden. Tierschützer halten allerdings auch die neue Methode für Tierquälerei. „Wir sind gegen jede Form der Käfighaltung“, sagt Esther Müller vom Tierschutzbund, „das Platzangebot bleibt weiterhin gering, in den Käfigen können die Hühner nicht fliegen und nicht scharren.“

Weil sie zwei Jahre vor der Konkurrenz umrüsten mussten, fühlten sich deutsche Geflügelbauern wie Heinz Pilz lange Zeit benachteiligt. Früher hat Pilz, der dem brandenburgischen Geflügelwirtschaftsverband vorsitzt, gutes Geld mit seinem Legehennenbetrieb gemacht. Doch seit die Konkurrenz aus dem Ausland die Eier wesentlich günstiger anbietet, ist er immer öfter frustriert. „Der Eiermarkt in Deutschland ist eingebrochen, es ist eine Katastrophe“, sagt er. Pilz ist Geschäftsführer des Spreenhagener Vermehrungsbetriebs für Legehennen, dem größten Eierproduzenten im Land Brandenburg. Mehr als 1,5 Millionen Hennen befinden sich in seinem Besitz – mittlerweile laufen sie alle frei herum.

Pilz hat statt auf Kleingruppenhaltung gleich auf Bodenhaltung umgerüstet, nachdem die engen Käfige in Deutschland verboten worden waren. Bodenhaltung ist heute die in Deutschland verbreitetste Art, Legehennen zu halten, über zwei Drittel der Tiere leben so. Damals aber hat Pilz viele Abnehmer verloren, zu denen, die ihm treu blieben, gehört die Supermarktkette Edeka.

Heute, zwei Jahre später, findet man im deutschen Handel so gut wie keine Eier, die die Kennziffer 3 für Käfighaltung tragen (siehe Kasten) – Folge der öffentlichen Aufregung um die Zustände auf den Geflügelfarmen. Viele Verbraucher wollen keine „Knasteier“ mehr auf ihrem Frühstückstisch. In den Regalen der Supermärkte aber verstecken sich diese trotzdem – in Nudelprodukten, Keksen und vielen anderen Lebensmitteln. „Dort kann kein Kunde kontrollieren, wo die Eier herkommen“, sagt Firmenleiter Pilz. Christiane Riewerts vom Verband der deutschen Geflügelwirtschaft berichtet, dass knapp ein Drittel der Eier in die weiterverarbeitende Industrie wandern. Viele davon stammen aus den Käfigen, glaubt Pilz.

Über acht Milliarden Eier importierte Deutschland 2010 aus anderen EU-Ländern, die meisten aus den Niederlanden, gefolgt von Polen. Wenn die Lieferungen von Käfigeiern aus Ländern jenseits der deutschen Grenzen wegfallen, sei das für die deutschen Abnehmer aber zu verkraften, sagt Riewerts: „Es wird definitiv keine Versorgungslücke geben.“

In Polen hat man mit der Umrüstung begonnen – langsam. Beim Betrieb „Fermy Wozniak“ hat der Firmenchef zwar die Hälfte der alten Käfige austauschen lassen, die andere Hälfte wartet aber immer noch auf die Umrüstung. Dass das Prozedere bis zum Ende des Jahres abgeschlossen ist, scheint unwahrscheinlich, was auch mit den nötigen Investitionen zu tun hat. Heinz Pilz beziffert die Kosten für den von der EU angeordneten Umbau von Käfig- auf Kleingruppenhaltung mit 20 Euro pro Huhn. Bei einem Hof mit 500 000 Hennen macht das zehn Millionen Euro. Pilz hält es aber für möglich, dass Eier aus Käfighaltung auch noch im neuen Jahr die Grenze passieren – mangels wirksamer Kontrollmöglichkeiten. Doch können polnische Käfigeier – getarnt als Ei aus Kleingruppen- oder Bodenhaltung – tatsächlich auch noch 2012 nach Deutschland kommen? Damit das nicht passiert, sollen die Überwachungsstellen der Bundesländer die Importe kontrollieren. Auch die EU-Kommission will ihre Prüfdienste verstärkt in dem Bereich einsetzen. „Das begrüßen wir ausdrücklich“, heißt es im deutschen Agrarministerium.

Europaweit ist jedes Ei mit einer gut sichtbaren Kennzeichnung versehen. Diese gibt Aufschluss darüber, woher das Ei kommt. Die erste Ziffer verrät das Haltungssystem, aus dem das Ei stammt. 0 steht für ökologische Erzeugung, die Ziffer 1 für Freilandhaltung, die 2 für Boden- und die Ziffer 3 für Kleingruppenhaltung.

Das darauffolgende Länderkürzel lässt auf das Herkunftsland des Eis schließen. Bei „DE“ handelt es sich zum Beispiel um Eier aus Deutschland. Mit der nach dem Länderkürzel folgenden Nummer kann der Betrieb identifiziert werden, so dass die Eier bei Bedarf bis in den Stall der Legehennen zurückverfolgt werden können. ks

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