Wirtschaft : Tierseuchen: Bauern wollen Vieh-Transporte einschränken

mo/brö

Bündnis 90/Die Grünen wollen das Ausmaß der Tiertransporte in Europa reduzieren. Dadurch soll die Verbreitung von Tierkrankheiten wie der Maul- und Klauenseuche eingedämmt werden. Schon aus Tierschutzgründen müssten Transporte, die länger als vier Stunden dauern, unterbunden werden, sagte Ulkrike Höfken, agrarpolitische Sprecherin der Partei. Auch die Brüsseler Beihilfen für Agrarexporte in Drittländer müssten gestrichen werden. Die Union sowie der Deutsche Bauernverband (DBV) unterstützen dies.

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Auf Tiertransporte über lange Strecken in Drittländer, für die die EU eine Exportbeihilfe zahlt, könne man kurzfristig verzichten, erklärte Richard Bröcker, beim DBV zuständig für den Bereich Tierproduktion. Bisher darf Vieh ohne Pause acht Stunden unterwegs sein. Auch die SPD-Europaabgeordnete Dagmar Roth-Behrendt sprach sich für eine Abschaffung der Exportbeihilfen aus. Bislang zahlt Brüssel im Schnitt 450 Mark pro Rind, das in Länder außerhalb der EU exportiert wird. Für andere Tiere gibt es keine Beihilfe.

Bayerns Verbraucherschutzminister Eberhard Sinner (CSU) und Nordrhein-Westfalens Umweltministerin Bärbel Höhn (Grüne) hatten sich zuvor für weniger Tiertransporte stark gemacht. Die Transporte sind im Zusammenhang mit der Seuche erneut in die Kritik geraten, da sich Seuchen durch die Transporte besonders leicht ausbreiten.

Der Deutsche Tierschutzbund forderte am Donnerstag europaweit einen sofortigen Stopp der Transporte. Dies sei "die wichtigste Schutzmaßnahme", die vorsorgend und vorbeugend wirke, sagte der Sprecher des Deutschen Tierschutzbundes Thomas Schröder. Unabhängig von der akuten Seuchengefahr müssten die Schlachtwege im Dienste einer regional ausgerichteten Landwirtschaft dezentral organisiert werden. Weitere Maßnahmen seien "ein dichteres Netz an Schlachthöfen" und Kühlketten. Investitionen in diesen Bereichen seien schon lange überfällig, sagte Schröder. Für standortnahe Schlachthöfe brachte Dagmar Roth-Behrendt "eine einmalige begrenzte finanzielle Begünstigung" ins Gespräch. Überlegungen wie die der Tierschützer, den Bauern die Schlachtung in den nächstliegenden Schlachthöfen vorzuschreiben, um so die Transportstrecken zu verkürzen, weist der Bauernverband als unzumutbar zurück. Dies sei ein unzulässiger Eingriff in den Wettbewerb, sagte Bröcker. Die Wahl des kostengünstigsten Schlachthofs gehöre zur freien Entscheidung eines jeden Landwirtes. Auf mehr als eine freiwillige Empfehlung will sich der Bauernverband daher nicht einlassen.

Seit längerem sind die deutschen und europäischen Schlachthöfe finanziell unter Druck. Harald von Witzke, Professor für internationalen Agrarhandel und Entwicklungen an der Berliner Humboldt-Universität, erinnert daran, dass in der Vergangenheit vor allem kommunale Schlachthöfe aus Kostengründen schließen mussten. Für Investitionen, die zur Aufrechterhaltung der hygienischen Anforderungen notwendig gewesen wären, sei kein Geld in den Kassen, sagt von Witzke. Auch in Berlin gibt es deshalb keinen Schlachthof mehr.

Der bisherigen EU-Agrarpolitik kommt diese Strukturbereinigung entgegen. Denn die EU befürwortet das zentralisierte Schlachten in großen, leistungsfähigen Schlachthöfen. Das aber erhöht wiederum das Transportaufkommen, das sowohl die Bundesregierung als auch der Bauernverband und selbst der Deutsche Vieh- und Fleischhandelverband, dem rund 2000 Spediteure und Viehhändler angehören, aus unterschiedlichen Erwägungen verringern möchten. Allerdings ist eine Strukturbereinigung nach Auffassung des Bauernverbandes auch hier zu Lande unumgänglich. Die rund 200 EU-zugelassenen Schlachtbetriebe in Deutschland, prognostiziert Richard Bröcker vom Bauernverband, werden sich kaum halten. Dabei verweist er auf Länder wie Dänemark oder die Niederlanden, wo heute nur noch einige wenige große Betriebe wirtschaftlich arbeiten können.

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