Wirtschaft : Tierseuchen: Glückliche Kühe in der Pampa

Carl D. Goerdeler

Da liegt der Batzen auf dem Teller, El Bife de Chorizo. Pfundschwer, saftig goldbraun, umrahmt von einer glasigen Fettkruste - eine Provokation für Vegetarier und eine Herausforderung für jegliches menschliches Fassungsvermögen.

Sechzig Schafe und drei Ochsen werden pro Nacht im Restaurant "La Estancia" von Buenos Aires vertilgt, seit 33 Jahren schon. In der Vorstadt Liniers liegen die Umschlagplätze für das Schlachtvieh. Nachts werden die Herden herangekarrt. Bis zu 20 000 Ochsen, Kühe und Kälber drängen sich in den Pferchen, sie stampfen, brüllen und koten; beim letzten Sonnenaufgang, in den sie stieren, werden sie gewogen und versteigert.

Tiermehlfutter? Anabolika? Kreislaufmittel? "Um Gottes Willen!" wehrt der Landwirtschaftsminister ab. Rinderwahnsinn gebe es in Argentinien nicht. Erstens wegen der natürlichen Fütterung und zweitens wegen der Importsperre für Zuchtvieh aus Europa. Die letzten Tiere seien 1986 aus Deutschland und der Schweiz importiert worden, aus England kommt seit fünfzehn Jahren kein Tier mehr. Da habe der Falkland-Krieg eben doch sein Gutes gehabt.

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Zwölf Millionen Rinder kommen in Argentinien jedes Jahr unters Messer, drei Mal mehr als in Deutschland. Allerdings darf Argentinien nur 28 000 Tonnen hochwertiges Beef zum Normalzollsatz von 20 Prozent auf den Euro-Markt werfen, alles darüber wird mit Killerzöllen bis zu 170 Prozent belegt. In die USA gelangen deshalb nur 20 000 Tonnen pro Jahr, nach Japan kein Gramm.

Folge des Protektionismus: Die Argentinier müssen ihre Fleischberge alleine aufessen, der Export stagniert bei 450 000 Tonnen. Daran dürfte auch die neue Werbekampagne für argentinisches Rindfleisch in Europa nichts ändern. Wer kann garantieren, dass Latino-Beef wirklich BSE-frei ist? Schließlich hat Argentinien diese Woche damit begonnen, 13 Millionen Rinder gegen die Maul- und Klauenseuche zu impfen. Mehrere Bauern in der Provinz Buenos Aires hatten Symptome der ansteckenden Krankheit bei ihren Tieren festgestellt. Europa ist näher, als viele Südamerikaner hoffen.

Ähnlich die Lage in Brasilien: Obwohl das Land weltweit der größte Rindfleischproduzent ist, exportiert es nur einen Bruchteil seiner Produktion. Die Märkte in Übersee sind abgeschottet, das Misstrauen groß. Bislang ist in Argentinien und Brasilien kein BSE-Fall aufgetreten. Südamerikanische Rinder werden nicht mit Tiermehl gefüttert. Die Farmer können sich das nicht leisten, zudem gibt es in der Pampa genug Nahrung für die Herden. Nur das Milchvieh bekommt Zusatzfütterung aus Mais- und Sojaschrot. Dafür wird in Argentinien und Brasilien nicht an der Giftspritze gespart. Die Rinder bekommen viele Mittel gegen Parasiten verabreicht. Auch bei der sanitären Kontrolle geht es locker zu. Brasilien verfügt über ein paar Dutzend BSE-Labors, die nur einen Bruchteil des Schlachtviehs kontrollieren können.

"Unser Rindfleisch hat Spitzenqualität", sagt Diego Ramiro Guelar vom argentinischen Viehzüchterverband. Er träumt davon, die ganze Welt mit Rindfleisch zu beliefern. Brasiliens Agrarminister fordert eine Öffnung der Märkte und droht damit, andernfalls keine europäischen Industriewaren mehr ins Land zu lassen. Die BSE-Seuche begreift er als Warnsignal, dass Europa von der "pervertierten Landwirtschaft" abrücken sollte.

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