Wirtschaft : Tierseuchen: Ledermäntel und Schuhe werden teurer

Alia Begisheva

Ein Ledersofa für zwei, dazu ein Paar schicker Sessel - Möbel können bald richtig teuer werden. Für eine Garnitur, die ein durchschnittliches Wohnzimmer füllt, werden Häute von mindestens sechs Kühen benötigt. Doch, nachdem in Deutschland im Dezember 2000 der erste BSE-Fall nachgewiesen wurde, ist die Zahl der Rinderschlachtungen um die Hälfte zurückgegangen. 200 000 Häute pro Woche fehlen zurzeit in Europa, hat der Verband der Deutschen Möbelindustrie in Bad Honnef gezählt. Die Lederpreise steigen: alleine im Zeitraum von Mitte Januar bis Mitte März um weitere fünf bis sieben Prozent. Und die Lederindustrie zittert weiter: Die Eischränkung der Viehtransporte zur Verhinderung der Ausbreitung der Maul- und Klauenseuche (MKS) in Deutschland wird die Engpässe in der Lederbeschaffung verschärfen.

Etwas aufgeatmet hat die Branche allerdings, als klar wurde, dass zumindest das Fell der BSE-freien Tiere vor der Massentötung abgezogen wird. Ursprünglich sollten 400 000 Rinder notgeschlachtet und verbrannt werden, um die Fleischpreise zu stabilisieren. Doch die Freude währte nur kurz. "Sollte sich die MKS noch auf Deutschland ausweiten, muss die Branche mit Umsatzeinbußen und sogar Kündigungen rechnen", sagt Ursula Geismann vom Verband der Möbelindustrie. Zwar werden die Ledermöbelhersteller die gestiegenen Preise für Rohleder auf die Verbraucher überwälzen. Das wird aber frühestens im Sommer gelingen, weil anders als in der Schuhindustrie, die Verträge mit dem Handel mindestens ein halbes Jahr im voraus abgeschlossen werden. Wegen der scharfen Konkurrenz werden die gestiegenen Preise auch nur zum Teil an die Kunden weiter gegeben werden können: Obwohl das Kalbsleder jetzt 40 Prozent mehr als vor dem Ausbruch der Tierseuchen kostet, werden die Verbraucher zehn bis 15 Prozent für die Ledersofas mehr bezahlen müssen, schätzen Experten. Vor einem Nachfrageeinbruch ist die Möbelindustrie auch dann nicht geschützt: "In den vergangenen Jahren wurden die Preise für Ledersofas schon etwa um zehn Prozent erhöht", sagt Anreas Rubach vom Wagner Polstermöbel in Weichhausen. "Die MKS würde uns noch härter treffen als die BSE-Krise", sagt Erwin Haas vom Verband der Deutschen Lederkleidung in München. Schließlich werden die von der Seuche befallenen Tiere vollständig verbrannt.

Die Tierseuchen kommen der gesamten Lederindustrie äußerst ungelegen. Die Preissteigerungen werden durch den für deutsche Importeuere ungünstigen Dollarkurs verstärkt. "Sogar, wenn Leder im Ausland eingekauft wird, sind wir vor hohen Preisen nicht geschützt", sagt Hans Dieter Klooss vom Bundesverband Lederwaren und Kunststofferzeugnisse in Offenbach.

Die Modebranche hat besonders in diesen Tagen an den Tierseuchen zu leiden. Weil die Mode der 80er Jahre ein Comeback feiert, ist die Kleidung aus Leder oder mit Lederelementen sehr gefragt. "Wenn aber kein Rindfleisch gegessen wird, dann gibt es kein Leder", so Bekleidungsexperte Haas. Da dieser Industriezweig auf hochqualitatives Leder angewiesen ist, kann er sich nicht mit Importen aus Billigleder-Region Asien helfen. "Dort ist das Fleisch wichtig, nicht das Leder: Das macht sich in der Tierhaltung bemerkbar." Mit Erleichterung hat der Verband auf den Beschluss reagiert, die Häute der deutschen Tiere aus dem Notschlachtungsprogramm vorher abzuziehen. Danach riefen beim Verband besorgte Verbraucher an. "Ich kann nur wiederholen, dass BSE nicht durch die Tierhaut übertragbar ist", sagt Haas.

Die Preise für Schuhe sind in Deutschland bereits um 15 Prozent gestiegen, und weiterer Preisanstieg wird erwartet. Schließlich macht das Material 44 Prozent des Preises aus. Sollte die Maul- und Klauenseuche sich ausweiten, wird es richtig eng: 80 Prozent vom Innenfutter der Schuhe besteht aus Schweineleder.

Zwar könnte man für die Herstellung von Schuhen und Möbeln auch die Häute der erkrankten Tiere verwenden. Ursula Geismann findet es aber richtig, dass die erkrankten Tiere vollständig verbrannt werden: "Es wäre schon sehr kommerziell, wenn man auch noch diese Häute verwenden würde. Außerdem wird niemand guten Gewissens auf einer Couch sitzen wollen, die aus der Haut eines kranken Tieres gemacht wurde. Ich bin dafür, dass künftig stärker auf Qualität bei Aufzucht und Verarbeitung der Tiere geachtet wird."

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