Wirtschaft : Till Hülsbergen

Geb. 1946

Marc Neller

Was tun, im Auge des Taifuns? Ruhig bleiben – und dann hinaus. Eine eigentümliche Stille liegt über ihnen. Doch der klare Himmel und das helle Licht sind trügerische Boten, das weiß er. Till Hülsbergen ist der Kapitän, er hat die Verantwortung für Schiff und Besatzung. Keiner weiß, wie die Sache ausgehen wird.

Sie sind in einen Taifun hineingeraten, Windgeschwindigkeit 120 Stundenkilometer, jetzt treiben sie im Auge des Sturms. Es ist der 22. Februar 2003, auf dem chinesischen Meer. Von einem Taifun haben die Wetterbeobachter nichts gesagt.

Till Hülsbergen will seiner Frau ein Lebenszeichen schicken. Aber E-Mail, Telefon, nichts funktioniert. Seit einem Tag sind sie auf keinem Radarschirm mehr zu sehen. Trotz der Angst spürt er eine merkwürdige, tiefe Gelassenheit.

Till Hülsbergen ist 57, er ist nicht bereit zu sterben. Aber wann ist man bereit? Das Meer hat ihn Demut gegenüber der Natur gelehrt. Er wundert sich, wie oft die Landmenschen von Krisen und Katastrophen sprechen. Katastrophe ist, wenn es um Existenzielles geht. Ums Leben. Nun überlegt er, ob er sich in einer Katastrophensituation befindet. Er will sich nicht beeindrucken lassen, will seine Gedanken im Griff behalten. Viel Zeit bleibt nicht, die einzig richtige Entscheidung zu fällen. Er entscheidet, mit dem Sturm in östlicher Richtung zu fahren, um östlich auszubrechen, wo der Wind nicht ganz so extrem ist.

Kapitän auf einem großen Schiff zu werden, war sein Traum, seit er Joseph Conrad gelesen hatte. „Hauptsache war, wegzukommen. Wegzukommen bedeutete die Chance, zu sich zu kommen. Hier, wo es offene Räume und weite Horizonte gab, wo keine Maßregelungen und Bespitzelungen das Leben einschnürten.“ Till Hülsbergen kam aus der Nähe von Bremen, seine Mutter brachte ihn im dunkelblauen Konfirmationsanzug auf sein erstes Schiff. Er war siebzehn, und wurde zum Empfang erst einmal ausgelacht. Dann schickten sie ihn in die Küche, Kartoffeln schälen.

Er war kaum dreißig, als er Kapitän wurde. Jahrzehntelang schipperte er Kolosse für zig Millionen Euro durch die Welt. Sich dieser Verantwortung ständig bewusst zu sein, hieße, sie nicht auszuhalten.

Jetzt, in der Gefahr, ist ihm alles ganz bewusst. Alles ist präsent, die Erfahrung, die Technik, der Instinkt. Zwölf Stunden fahren sie mit Höchstgeschwindigkeit ostwärts, auf den richtigen Moment lauernd, um auszubrechen. Dann wird das Schiff aus dem Auge des Taifuns herausgepresst, vor ihnen eine weiße Gischt- wand. Sie reiten Rodeo auf Wellen, die um ein Vielfaches höher sind, als das Schiff. Der Kapitän fürchtet, es könnte querschlagen und auseinander brechen. Doch sein Gefühl für die Wellen trügt ihn nicht, er steuert das Boot in die richtige Richtung. Sie kommen davon.

Als Stunden später die Fahrt ruhiger ist und er etwas geschlafen hat, denkt er an den Himmel und das Meer, wie er es inmitten des Taifuns gesehen hat: spiegelblank und azurblau glitzernd wie ein kostbarer Stein.

Er freut sich auf zu Hause, auch wenn er nach fünf Monaten auf dem Schiff wieder ein paar Tage zum Eingewöhnen in Berlin brauchen wird. Auf dem Schiff vertraut er seinen Leuten, schätzt die Zusammengehörigkeit, doch letztlich bleibt er Einzelgänger. Ein Kapitän gehört nie dazu, er steht an der Spitze einer klaren Hierarchie, an der niemand rührt. Zu Hause wird aus dem Fremden der Till Hülsbergen von den Fotos: ein gut aussehender Intellektueller, das grau melierte, halblange Haar leger gescheitelt. Hier ist er der viel lesende Nautiker, Historiker und Politologe, der er nach seinem zweiten Studium an der Freien Universität auch gerne geworden wäre.

Der letzte Kinofilm, der ihn mitreißt, stellt die Frage, wie viel eine menschliche Seele wiegt. Die Frage beeindruckt ihn. Auch sie ist eine Chance wegzukommen. Hinaus aus der Provinz gewohnten Denkens.

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