Wirtschaft : Time Warner verkauft Musikgeschäft

US-Investorengruppe um den Medienunternehmer Bronfman sticht britische EMI aus und zahlt 2,6 Milliarden Dollar

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NewYork/Berlin /London (pf/mot/HB). Die Musikbranche erlebt eine neue spektakuläre Übernahme: Der amerikanische Medien und Unterhaltungskonzern Time Warner hat seine Musiksparte für rund 2,6 Milliarden Dollar (2,2 Milliarden Euro) an eine Investorengruppe um den Ex-Seagram-Chef Edgar Bronfman verkauft. Dies teilte Time Warner am Montag in New York mit. Der britische Musikkonzern EMI hatte sich im Übernahmepoker geschlagen gegeben und sein Angebot für Warner Music zurückgezogen. „Wir werden als unabhängige Plattenfirma die Krise der Branche durchstehen“, so ein EMI-Insider. Zuletzt war über eine Fusion von Warner Music (Madonna, Red Hot Chili Peppers) und EMI (Rolling Stones, Robbie Williams, Kylie Minogue) spekuliert worden. Nach ihrem Rückzug sind die Briten nun selbst zu Übernahmekandidaten geworden.

EMI und Warner zählen neben der Bertelsmann Music Group (BMG), Universal Music und Sony Music zu den fünf größten Musikkonzernen der Welt, die 75 Prozent des globalen Marktes beherrschen. Vor drei Wochen hatten BMG und Sony angekündigt, ein Gemeinschaftsunternehmen gründen zu wollen, und hatten damit das Fusionskarussell neu in Schwung gebracht. Die Branche leidet unter rückläufigen Umsätzen, weil sich illegale Internet-Tauschbörsen sowie privat gebrannte CDs immer stärker verbreiten. „In diesem Jahr werden die Verkaufszahlen in Deutschland erneut um bis zu 20 Prozent einbrechen“, hieß es am Montag beim Bundesverband der phonografischen Wirtschaft. Um Kosten zu sparen, versuchen die Großen der Branche seit langem, ihre Musikgeschäfte zusammenzulegen – mit unterschiedlichem Erfolg. So scheiterten EMI und Warner bereits vor zwei Jahren mit ihren Fusionsplänen am Widerstand der Wettbewerbshüter, auch Verhandlungen mit Sony und mit BMG wurden abgebrochen.

„Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass es nicht länger möglich ist, eine für beide Verhandlungspartner akzeptable Einigung zu erzielen“, musste EMI-Chairman Eric Nicoli am Montag in London einräumen. Bereits am Freitag waren die EMI-Aktien im Vorgriff auf den Rückzug eingebrochen. Nicoli überließ Edgar Bronfman das Feld, der die US-Investmentfirma Thomas H. Lee federführend mit den Warner-Verhandlungen betraut hatte. Offen blieb am Montag, ob auch der ProSiebenSat1-Eigentümer Haim Saban zu Bronfmans Konsortium zählt. Sabans Unterhändler Adam Chesnoff hielt sich nach Tagesspiegel-Informationen in Deutschland auf – ein Hinweis darauf, dass die Saban-Gruppe nicht in die Schlussverhandlungen mit Warner in New York involviert war.

Die Bronfman-Gruppe wird den Kaufpreis in bar bezahlen. Time Warner hat die Option, binnen drei Jahren nach Abschluss der Transaktion bis zu 15 Prozent von Warner Music zurückzukaufen. Unter nicht näher genannten Umständen kann Time Warner den Anteil auf bis zu 19,9 Prozent erhöhen. Vorstandschef Richard Parsons bevorzugte die Bronfman-Gruppe, weil er sich Ärger mit den Kartellbehörden erspart. Mit dem Verkaufserlös will er die hohe Verschuldung des Medienkonzerns von 24 Milliarden Dollar reduzieren. Die Käufer hoffen wiederum, die Musiksparte nach Kostensenkungen später mit Gewinn wieder abgestoßen werden.

EMIs Partnersuche könnte unterdessen doch noch Erfolg haben: Möglicherweise könnte die Gruppe auch nach dem Warner-Verkauf die Plattenproduktion des US-Konzerns kaufen. EMI hatte nach Medienberichten rund 1,7 Milliarden Dollar in Aktien und Bargeld geboten, wollte aber nur die Plattenfirmen von Warner und nicht das Verlagsgeschäft. Bronfman, so spekulieren Analysten, würde die Tonträger-Herstellung gegen einen Aufpreis abgeben und nur den lukrativen Musikverlag behalten. Für EMI mache es Sinn, diesen Aufschlag zu bezahlen, da sich der Konzern mit Warner Einsparungen von bis zu 300 Millionen Pfund (429 Millionen Euro) im Jahr verspricht.

Edgar Bronfman ist kein Unbekannter im Musikgeschäft. Als Chef des Spirituosen- und Unterhaltungskonzerns Seagram hatte er Universal Music zum weltgrößten Musikkonzern aufgebaut. Vor drei Jahren verkaufte er die Firma an die heutige Vivendi Universal in einem mit 34 Milliarden Dollar bewerteten Aktientausch, der die Bronfman-Familie zum Hauptaktionär machte. Angesichts des Kursverlustes der Vivendi-Aktien galt dies als Fehlentscheidung. Für sein Comeback investiert Bronfman Berichten zufolge selber 250 Millionen Dollar. Größter Investor in dem Warner-Konsortium wäre die Investmentgruppe Thomas H. Lee mit 625 Millionen Dollar.

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