Wirtschaft : Time Warner wieder Herr im AOL-Haus

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New York (pf). Mit der überraschenden Neuordnung des Vorstands bei AOL Time Warner kehren die Manager der ehemaligen Time-Warner-Gruppe an die Macht zurück. Robert Pittman, der erst im April zum Vorstand für das operative Geschäft (Chief operating officer) des New Yorker Medienkonzerns berufen wurde, tritt zurück. Don Logan, bisher Chef des Verlagsbereichs Time Inc, wird Vorsitzender einer neugebildeten Mediengruppe, zu der AOL gehört. Jeff Bewkes, bisher Vorsitzender des Bezahl-Fernsehens HBO, rückt zum Chef einer neuen Mediengruppe auf, zu der die Film-, Fernseh- und Musiksegmente gehören.

Pittman war bei AOL Time Warner für das Tagesgeschäft verantwortlich. Er galt als Organisationstalent, das maßgeblich daran mitgewirkt hatte, aus dem Onlinedienst America Online (AOL) den führenden Internetzugangsanbieter zu machen. Auf dem Höhepunkt der Internet-Spekulationsblase schluckte AOL den Verlags- und Unterhaltungskonzern Time Warner - mit Hilfe seiner Aktien für 106 Milliarden Dollar (105 Milliarden Euro). Doch der damalige Time-Warner-Chef Gerald Levin und sein Gegenüber bei AOL, Stephen Case, haben ihre Wachstumsprognosen verfehlt. Im laufenden Jahr haben die Aktien von AOL rund 60 Prozent ihres Wertes verloren. Mit Pittmans Ausscheiden bleibt Case einziger AOL-Manager im Vorstand, den Richard Parsons leitet. Er hatte vor Wochen Gerard Levin abgelöst.

Time Warner und AOL waren zur Zeit der Fusion davon ausgegangen, dass der Internetanbieter AOL der geeignete Partner sei, um das Wachstum des Verlags-und Unterhaltungsbereichs von Time Warner anzukurbeln. Levin hatte den Investoren versprochen, das fusionierte Unternehmen werde 2001 zusätzlich eine Milliarde Dollar Cashflow und eine jährliche Wachstumsrate von 30 Prozent beisteuern. Als die Internetblase jedoch platzte, tauchten die Schwächen von AOL auf, nämlich die Abhängigkeit des Internet-Geschäfts von der Werbung.

Letztes Jahr betrug das Wachstum gerade 13 Prozent. Die Zukunft von AOL Time Warner liegt jetzt bei Parsons, Logan und Bewkes. Alle drei sind Time Warner-Veteranen. Etliche Investoren fordern die Rückgängigmachung des Zusammenschlusses, doch Parsons sagte am Donnerstag, AOL bleibe ein wichtiger Teil des Konzerns. „Der Gesamtkonzern sollte – und wird unter dem neuen Management – mehr wert sein als seine einzelnen Teile“, sagte er. Eine seiner ersten Aufgaben muss es sein, einen neuen AOL-Chef zu finden, der in der Lage ist, neue Werbe-Einnahmen zu finden und den Rückgang des Marktanteils aufzuhalten.

Unterdessen haben US-Anwälte eine Sammelklage gegen AOL Time Warner wegen angeblicher Bilanzierungstricks eingereicht. Die New Yorker Anwaltsfirma Lovell&Stewart LLP wirft dem Konzern vor, AOL habe seine Online-Werbeeinnahmen für das erste Quartal 2001 künstlich aufgebläht. In dem Papier wird auch die Rechnungsprüfungsfirma Ernst&Young beschuldigt, gegen Wertpapiergesetze verstoßen zu haben. Sie habe die Finanzberichte von AOL Time Warner für das Geschäftsjahr 2001 abgesegnet.

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