Wirtschaft : Titanic-Atmosphäre an den Börsen

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Von Veronika Czisi

Im Juni haben sie es endlich geschafft. Der Dax ist erneut unter die 4000-Punkte- Grenze und damit nahe an sein Septembertief abgetaucht; exakt 871 Punkte verlor der deutsche Leitindex. Baisse-Spekulanten und charttechnisch orientierte Anleger gelangen damit, unterstützt vom Käuferstreik der breiten Masse, drei weitere Ziele: Die Deutsche Telekom sackte unter zehn, SAP unter 100 und MLP unter 30 Euro. Zu Hilfe kam den Leerverkäufern – sie leihen sich Aktien, verkaufen sie, drücken damit den Kurs und kaufen dann zurück – zahlreiche Katastrophenmeldungen von Unternehmensseite. Was die Umsatz- und Gewinnwarnungen von Chip-Weltmarktführer Intel, von Micron Technologies und Alcatel noch nicht schafften, gelang zum Monatsende WorldCom. Der Telefonkonzern, einer der größten in den USA, gab Fehlbuchungen in Höhe von fast vier Milliarden Dollar zu und übertraf den Enron- Skandal damit um ein Vielfaches.

Die Titanic-Atmosphäre bei den Anlegern hat keine Börse rund um den Globus verschont: Neben Dax und anderen Haupthandelsplätzen zog es auch die bisherigen Zugpferde in den Depots, also etwa Rußland, Thailand, Indonesien oder Südkorea in die Tiefe. In Deutschland beendeten zwei Drittel aller Dax-Aktien den Juni mit einem zweistelligen Minus. Größter Verlierer war MLP. Für 2000 und 2001 sollen angeblich zu hohe Gewinne in der Bilanz gebucht worden sein. Inzwischen wehrt sich MLP juristisch gegen die Vorwürfe. Eingeknickt sind im Juni auch zwei Werte, die früher eher Felsen in der Brandung waren: Allianz und Münchener Rück. Seit April haben beide Unternehmen rund ein Drittel ihres Werts eingebüßt. Die Allianz verlor allein im Juni rund 20 Prozent.

Vor allem amerikanische und britische Anleger sollen sich von den Substanzriesen getrennt haben. Grund: Wichtige Indizes sind auf Streubesitz umgestellt worden. Das Gewicht einer Aktie bestimmen nun nur noch die frei handelbaren Aktien. Die Allianz, zuvor schwerster Wert im Dax, ist wegen des höheren Festbesitz-Anteils zurückgestuft worden. Belastend wirkten sich zudem Gerüchte aus, die Deutsche Bank wolle ihre Beteiligung an der Versicherung reduzieren.

Weil der Bankenprimus von der Streubesitz-Umstellung im Dax profitiert, überstand er den Juni deutlich besser als der Dax selbst: Während der Index in der Spitze gut 18, am Ende immer noch knapp elf Prozent verlor, waren es bei der Deutschen Bank „nur" acht Prozent. Deutlich schlechter schlug sich einer der Hauptprofiteure der Neugewichtung, die Siemens AG, die ebenfalls unter heftigen Beschuss der Baissiers geriet. Als Sündenbock mußte hier vor allem die Gewinnwarnung von Alcatel herhalten.

Trotz des eher positiven Ausblicks von Oracle gelang es Softwarespezialist SAP nicht, die Anleger mit ins Boot zu ziehen. Im Gegenteil: Die Verkäufe summierten sich am Monatsende auf ein Minus von 15 Prozent. Obwohl SAP seine erklärten Geschäftsziele bis Jahresende auch tatsächlich erreichen will, blieben viele Anleger skeptisch. Bei Tiefstkursen um die 87 Euro standen jedoch schon die Schnäppchenjäger mit offenen Armen da – ähnlich wie beim Chiphersteller Infineon, der am „schwarzen Mittwoch" bis auf 14,6 Euro einbrach, sich bis Monatsende wieder leicht erholen konnte. Die Autos bremste der immer stärkere Euro aus, der die Gewinne aus Exporten in den Dollarraum schmälert. Allerdings war auch hier die Psychologie das Verkaufsargument, weniger die Fakten, denn die Autohersteller sichern Währungsschwankungen ab. Dass Daimler-Chrysler im Juni leicht besser als der Index abschnitt, begründeten Händler mit den stark verbesserten Aussichten von Sorgenkind Chrysler.

Eon als einziger Wert im Plus

Mit minus 16 Prozent blieb von den Autotiteln nur VW unter dem Niveau der Dax-Verluste. Der relativ große Aktienanteil des Landes Niedersachsen drückte die Gewichtung im Dax, so dass indexorientierte Anleger den Wert teilweise verkaufen mußten. Auch dass die EU-Kommission das so genannte VW-Gesetz zu Fall bringen will, honorierten die Anleger nicht. Deutlich besser als der Index behaupteten sich dagegen vor allem Eon und Degussa. Eon rettete sich als einziges Unternehmen mit geringfügigem Plus über den Horrormonat, was Analysten mit der konsequenten Ausrichtung des Konzerns auf den Versorgungsbereich begründeten. Eon versucht, die Ruhrgas zu übernehmen und dafür die Spezialchemie-Tochter Degussa an den Bergbaukonzern RAG zu verkaufen. Sollte der Deal klappen und die freien Degussa-Aktionäre – sie halten nur 35 Prozent der Aktien - das Angebot der RAG annehmen, fiele Degussa wegen des geringen Streubesitzes aus dem Dax. Trotzdem hielten sich Käufe und Verkäufe die Waage. Oliver Kahn & Co. kickten Adidas in die Spitzengruppe. Der Sportartikler erwartet, auch wegen seiner Werbeträger, satte Zuwächse im Asiengeschäft. Während Adidas im WM-Monat gerade mal ein halbes Prozent verlor, büßte Nike mehr als zehn Prozent ein.

Die Kurscharts aller Dax-Werte drucken wir aus technischen Gründen in der Dienstagsausgabe.

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