Wirtschaft : Titanic-Stil soll Möbel-Branche retten

ANTJE KULLRICH

KÖLN .Für den Kauf von Möbeln werden die Deutschen in nächster Zeit ein paar Mark mehr ausgeben müssen."Ohne moderate Preiserhöhungen schaufeln sich manche Unternehmen ihr eigenes Grab.Das ist jetzt vielen klar geworden", sagte Dirk-Uwe Klaas, Hauptgeschäftsführer der Verbände der Deutschen Möbel- und Holzindustrie, am Dienstag in Köln.Die Hersteller klagen: Seit Jahren verbuchen sie sinkende Umsätze, und die Nachfragemacht des Handels wächst durch starke Konzentration.Die Umsatzrendite der Industrie liegt bei mageren zwei Prozent.Zudem eröffnet der Handel immer neue Möbelhäuser.Auf vier Deutsche kommt mittlerweile ein Quadratmeter Handelsfläche.Das nahezu konstante Preisniveau der letzten Jahre bei Schränken, Betten und Sesseln freut die Verbraucher, aber nicht die Produzenten."Ein Zwei-Meter-Küchenblock ist heute billiger zu haben als ein PC", beschwert sich Klaas.

Allmählich jedoch registriert die Branche Anzeichen für eine Wende der bisher so lauen Konjunktur.Im vergangenen Jahr schrieb die Holzindustrie mit einem Umsatz von 74 Mrd.DM eine schwarze Null.Die größte Teilbranche Möbel mußte jedoch abermals einen Rückgang von fast zwei Prozent auf 41,6 Mrd.DM verkraften.Für 1998 hoffen die Hersteller insgesamt auf ein Plus von vier Prozent, die Möbelfabrikanten wollen um zwei Prozent wachsen.Die Halbjahresergebnisse bestätigen die Einschätzungen: Die Holzindustrie nahm zwischen Januar und Juni 5,6 Prozent mehr ein als im Vorjahreszeitraum.Das Sommerloch wird jedoch voraussichtlich ein wenig größer sein als 1997.Der Zuwachs könne daher im zweiten Halbjahr voraussichtlich nicht in der gleichen Höhe fortgesetzt werden.Trotz dieser Aussichten sollen auch in diesem Jahr weiter Arbeitsplätze abgebaut werden.Der Rückgang wird nach Einschätzung von Klaas zwei bis drei Prozent der vorhandenen Stellen betragen.Von Betriebsschließungen sind vor allem die Möbelproduzenten betroffen.In 3600 Unternehmen der überwiegend mittelständischen Branche arbeiten heute noch rund 290 000 Beschäftigte.Mit einer Umkehrung des Trends am Arbeitsmarkt rechnen die Unternehmen erst Mitte 1999.Besser sieht es dagegen bei den Ausbildungsstellen aus.Hier übersteigt das Angebot die Nachfrage.Vor allem auf dem gewerblich-technischen Gebiet sind noch Stellen frei.Im Beruf Holzmechaniker zum Beispiel schätzt der Verband die Zahl der unbesetzten Ausbildungsplätze auf 200 bis 300 pro Jahr.

Zur Erholung der deutschen Holzindustrie soll verstärkt der Export beitragen.Noch gibt es ein beträchtliches Ungleichgewicht zwischen Importen und Exporten.Das Außenhandelsdefizit im Bereich Möbel lag im vergangenen Jahr nach Angaben des Verbandes bei 6,7 Mrd.DM.Ende der 80er Jahre habe es noch eine positive Handelsbilanz gegeben, sagte Klaas.Im Vergleich zu 1996 stiegen die Exporte der Möbelindustrie 1997 um 7,7 Prozent auf 6,78 Mrd.DM.Die Importe an Möbeln hatten einen Wert von 13,45 Mrd.DM.Über 70 Prozent der deutschen Ausfuhren gingen 1997 in Länder der Europäischen Union.Von den Möbelimporten entfielen 60 Prozent auf diese Länder.Die meisten ausländischen Produkte kommen aus Italien, an zweiter Stelle folgen Einfuhren aus Polen.Auf Auslandsmessen in Singapur, Shanghai und Moskau wollen die Hersteller im nächsten Jahr präsent sein, um die wichtigen Märkte in Asien und Mittel- und Osteuropa zu erobern.

In Deutschland läßt die wachsende Zahl der Single-Haushalte auf eine größere Nachfrage nach Möbeln hoffen.Behagliches Wohnen spielt für die meisten Bundesbürger eine große Rolle, meint der Verband."Home, sweet home" lautet die Devise.Neue spektakuläre Trends sind jedoch nicht auszumachen.Die Branche spricht vom aktuellen "Titanic-Stil", einem romantischen, eigentlich schon vergangenen Stil in Abgrenzung zum klassischen Landhausdesign.Hollywood läßt grüßen.Exotische Stücke aus Korbgeflecht und Rattan sind im Kommen, helles Holz bleibt auch weiterhin in.Die Industrie stimmt dabei zuversichtlich, daß die Kunden laut verschiedenen Untersuchungen mehr auf Design und Qualität als auf den Preis achten.

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