Wirtschaft : Toben, trösten, vorlesen

Rund 20 000 neue Erzieher werden bis 2016 bundesweit gebraucht. Eine berufsbegleitende Ausbildung macht Quereinsteiger fit für die Arbeit in der Kita.

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Den Kindern die Welt erklären. Auch Männer sind für Jobs in Kitas sehr gefragt. Dieser Erzieher arbeitet im Fröbel-Kindergarten in Berlin-Mitte. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Den Kindern die Welt erklären. Auch Männer sind für Jobs in Kitas sehr gefragt. Dieser Erzieher arbeitet im Fröbel-Kindergarten in...

Willi Förster ist 49 Jahre alt und drückt seit eineinhalb Jahren nochmal die Schulbank – jeden Donnerstag- und Freitagnachmittag und alle paar Wochen auch am Sonnabend. Die restliche Zeit arbeitet er in einem Neuköllner Kindergarten. 28 Stunden pro Woche, verteilt auf dreieinhalb Tage, ist er ganz für die Kleinen da. Er spielt, tobt, bastelt und turnt, liest vor, tröstet und schlichtet. Der ausgebildete Fotolaborant absolviert die dreijährige berufsbegleitende Ausbildung zum Erzieher. „Die Woche ist anstrengend“, sagt er. „Aber die Arbeit macht großen Spaß.“ Und der Job hat Zukunft – Erzieher sind gefragt.

Deshalb liegt Willi Förster im Trend. Seit 1. August haben Eltern einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder von einem Jahr an, und es steht fest: Die Kinderbetreuung muss weiter ausgebaut werden. 20  000 neue Erzieher werden einer Prognose der Bundesagentur für Arbeit zufolge bis 2016 bundesweit gebraucht. Dieser Trend gilt auch für Berlin. „Der Berufswunsch Erzieher ist empfehlenswert“, heißt es bei der Regionaldirektion Berlin-Brandenburg der Bundesagentur für Arbeit. Der Fachkräftebedarf in dem Bereich werde anhalten.

Die guten Berufsaussichten locken Quereinsteiger und Umschüler in die Kitas. Vor allem die berufsbegleitende Ausbildung wird populärer. Der Berliner Bildungsstatistik zufolge sind derzeit 952 berufsbegleitende Schüler im ersten Ausbildungsjahr; 2011 waren es nur 509. Insgesamt machen aktuell 6903 Schüler in Voll- oder Teilzeit die Ausbildung zum Erzieher; 1863 von ihnen sind im dritten Schuljahr, darunter 480 in Teilzeit.

„Wir empfehlen die berufsbegleitende Ausbildung vor allem älteren Bewerbern“, sagt Roland Kern vom Dachverband Berliner Kinder- und Schülerländen, der mehr als 600 selbstverwaltete Kitas, Schülerläden und freie Schulen vertritt. „Wer schon über 30 oder 40 ist und Familie hat, wird nicht in Vollzeit die Erzieherschule besuchen können – das geht bei den meisten schon finanziell nicht.“ Die berufsbegleitende Ausbildung dauert wie die Vollzeitausbildung drei Jahre, die Schüler sind währenddessen aber für mindestens 19,5 Stunden sozialversicherungspflichtig in einer Kita oder sozialpädagogischen Einrichtung angestellt.

Wer auf diesem Weg Erzieher werden will, sollte sich zuerst eine Stelle suchen - die Fachschulen nehmen Bewerber nur auf, wenn diese eine Anstellung nachweisen können. Bewerber können sich in Kitas und Horten auf Stellen für staatlich anerkannte Erzieher bewerben, denn die Auszubildenden können auf den Personalschlüssel angerechnet und wie Erzieher eingesetzt werden. „Auch berufsfremde Bewerber haben gute Chancen“, sagt Roland Kern. Zwar gibt es aktuell mehr Bewerber als Plätze, weil eine Obergrenze gilt: Kitas dürfen maximal ein Drittel ihrer Stunden mit Auszubildenden abdecken, viele Einrichtung haben das Limit erreicht. „Trotzdem finden 80 bis 90 Prozent der Bewerber eine Stelle.“

So wie Willi Förster, der bis zum Beginn seiner Ausbildung noch nie in der Kinderbetreuung gearbeitet hatte. Mit Ende 40 – die eigenen Kinder waren aus dem Haus – überlegte er sich, dass es Zeit wäre, nochmal etwas Neues zu machen. Jahrzehntelang war die Fotografie seine Berufung, er arbeitete als Fotolaborant und Fotograf. Als seine Tochter klein war, hatte er sich in einer Elterninitiativ-Kita in Prenzlauer Berg engagiert, „das fand ich toll“, sagt er. „Außerdem finde ich es wichtig, dass mehr Männer in die Kinderbetreuung einsteigen.“ Er bewarb sich, arbeitete in einer Kita und einem Hort Probe und wurde schließlich in Neukölln angestellt. In der Schule büffelt er nun unter anderem Erziehungstheorien, kreative Gestaltung und Organisation. „In meiner Klasse bin ich der Älteste“, sagt er.

30 Fachschulen für die Erzieherausbildung gibt es inzwischen in Berlin, fünf staatliche und 25 private. Die meisten bieten Ausbildungsgänge in Vollzeit und berufsbegleitend an. Der Besuch der staatlichen Schulen ist kostenlos. Die privaten Träger erheben ein Schulgeld in Höhe von 30 bis 90 Euro im Monat, die Ausbildung kann vom Arbeitsamt finanziert werden; 2012 wurden 176 Schüler in Berlin gefördert, bis zum April dieses Jahres 51. Allerdings: Arbeitsagentur und Jobcenter können per Gesetz nur Bildungsgutscheine für maximal zweijährige Aus- und Weiterbildungen ausgeben. Die Erzieherausbildung dauert aber drei Jahre - im letzten Jahr müssen die Schüler das Schulgeld selbst zahlen. Deshalb ist laut Regionaldirektion Berlin-Brandenburg auch nur die berufsbegleitende Ausbildung förderfähig – die Teilnehmer müssen angestellt sein und Geld verdienen.

Willi Förster verdient derzeit 1392 Euro brutto, 1037 Euro bekommt er netto. Er besucht die private Schule Campus Berlin und zahlt das Schulgeld in Höhe von 90 Euro im Monat selbst. Anspruch auf einen Bildungsgutschein hatte er nicht, da er nicht arbeitslos war. Für ihn war die Aussicht auf eine sichere Stelle bis zur Rente auch nicht entscheidend für die Wahl seines neuen Berufs. „Inzwischen sehe ich diesen Vorteil aber auch“, sagt er.

Einfacher als für Umschüler ist der Berufseinstieg für Psychologen, Erziehungswissenschaftler, Sozialpädagogen, Grundschullehrer, Kinderkrankenschwestern und -pfleger und einige andere verwandte Berufe. Sie können im Rahmen einer Anpassungsqualifizierung als Erzieher einsteigen. Diese Quereinsteigerregelung wurde in Berlin 2010 eingeführt.

Quereinsteiger können in einer Einrichtung angestellt werden und müssen innerhalb von maximal vier Jahren 300 Stunden kitaspezifische und sozialpädagogische Fortbildung nachweisen. Die Kitaaufsicht hat dafür Schwerpunkte festgelegt. Zu den Fortbildungsinhalten gehören rechtliche Grundlagen, Entwicklungspsychologie, Elternarbeit, das Berliner Bildungsprogramm, die Gestaltung der Rahmenbedingungen für frühkindliche Bildung, ganzheitliche Formen der Förderung und Kenntnisse über Sprachentwicklung und -förderung. Welche Kurse sie im Einzelnen belegen müssen, wer die Kosten trägt und wo die Fortbildung absolviert wird – das alles muss jeder Quereinsteiger individuell mit dem Träger besprechen, bei dem er beschäftigt ist; pauschale Programme gibt es nicht.

Seit einigen Monaten gibt es in der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft einen Ansprechpartner (Thomas Mauersberger, Tel. 90227-5129), mit dem potentielle Quereinsteiger ihren Fortbildungsbedarf schon vor der Stellensuche klären können. Sie bekommen einen Bescheid, in dem steht, unter welchen Bedingungen sie als Fachpersonal eingestellt werden können und welche Fortbildungen sie erbringen müssen.

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