Wirtschaft : Tokio stellt Großbank NCB unter Staatskontrolle

TOKIO (AFP).Zum zweiten Mal in der Nachkriegsgeschichte hat die japanische Regierung eine Großbank zwangsweise unter staatliche Kontrolle gestellt.Wie Japans Ministerpräsident Keizo Obuchi in Tokio sagte, wurde die Nippon Credit Bank (NCB) am Sonntag der staatlichen Aufsicht unterstellt.Prüfungen hätten ergeben, daß die NCB seit März dieses Jahres mit 94 Mrd.Yen (rund 1,3 Mrd.DM) tief im Minus stehe, erklärte Obuchi.Ein Drittel ihrer offenen Kredite sind nach Regierungsangaben faul.Obuchi kündigte an, die Regierung werde für alle Einlagen und Finanzgeschäfte des auf langfristige Kredite spezialisierten Instituts geradestehen.Zudem werde eine neue Führung ernannt und ein Restrukturierungsplan ausgearbeitet.NCB-Präsident Shigeoki Togo erklärte seinen Rücktritt und warf Obuchi vor, voreilig gehandelt zu haben.

Obuchi sagte, seine Regierung werde sämtliche Anteile der Bank übernehmen.Tokio habe der Bank einen Monat Zeit gegeben, einen Plan zur Bewältigung der Finanzschwierigkeiten vorzulegen.Ein realistischer Weg zur Rekapitalisierung sei aber nicht erkennbar gewesen, fügte er hinzu.Bereits im Oktober war mit der angeschlagenen Großbank Long-Term Credit Bank (LTCB) ein großes japanisches Geldinstitut zwangsverstaatlicht worden.

Japanische Medien berichteten, die Regierung habe von der NCB gefordert, sich freiwillig der staatlichen Kontrolle zu unterwerfen.Dies habe die Bank jedoch abgelehnt, weil sie eigenen Angaben zufolge zahlungsfähig sei und sich refinanzieren könne.Die NCB sitzt nach Ermittlungen der Finanzbehörden auf faulen Krediten in Höhe von umgerechnet rund 43 Mrd.DM.

Der Schritt der Regierung sei "äußerst bedauerlich", sagte NCB-Präsident Togo auf einer Pressekonferenz.Der Bankenchef warf der Regierung vor, unrechtmäßig gehandelt zu haben.Kein Gesetz, unter dem Tokio die Bank unter Staatskontrolle stellen könnte, "trifft auf unsere Bank zu".Togo entschuldigte sich aber bei den Anteilseignern der Bank und kündigte mit dem gesamten Vorstand seinen Rücktritt an.

Die japanische Presse begrüßte am Sonntag einhellig die Entscheidung der Tokioter Regierung.Obuchi habe gehandelt, um "die Sicherheit des nationalen Finanzsystems zu gewährleisten", hieß es in der Zeitung "Yomiuri Shimbun".Die Zeitung "Asahi Shimbun" warf der Bank ein "riskantes Management" vor, weshalb Tokio die Notbremse gezogen habe.Weitere Zwangsverstaatlichungen drohten, wenn die Banken ihre faulen Kredite nicht bedingungslos offenlegten.

Mehr lesen? Jetzt gratis E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar