Wirtschaft : Tony Musgrave

Geb. 1938

Anne Jelena Schulte

Am Horizont die anderen Orte. Schöner, gefährlicher, interessanter. Tony Musgrave war von beamtenhafter Gründlichkeit und von schwärmerischer Natur. Lehrer attestierten ihm zwei Begabungen: Mathematik und Literatur.

Als ihm ein Stipendium für Literaturwissenschaften in Oxford angeboten wurde, musste er sich entscheiden. Nach einigem Zögern sagte er das Angebot ab, entschied sich für die Mathematik und wurde Informatiker. Vielleicht, weil die Literatur seine größere Leidenschaft war. Denn Leidenschaften gedeihen am besten im Verborgenen.

Er verdiente gut und bekam zwei Söhne mit einer Frau, die ihn aufrichtig liebte. Nun hätte er sich in ein ruhiges, englisches Vorstadtleben fügen können. Doch der Informatiker musste, um nicht wahnsinnig zu werden, auch dem anderen, dem schwärmerischen Tony Raum geben. Und diesen Tony drängte es ständig zu neuen Ufern.

Als ihm ein Freund entnervt davon erzählte, wie er Stunden mit einem nackten Irren im Vorzimmer einer Psychiatrie verbracht hatte, legte Tony Musgrave wortlos den Hörer auf. Er war eifersüchtig.

Immer wenn Tony an einem Ort war, entdeckte er am Horizont andere Orte, an denen es schöner, gefährlicher, interessanter sein könnte. So führte er mit seiner Familie ein Karawanenleben. 1970 verschlug es sie nach Deutschland.

Er wurde Computerexperte beim Berliner Senat und Kämpfer bei der Alternativen Liste. Zwischendurch besuchte er Selbsterfahrungsgruppen oder ließ sich für ein halbes Jahr nach Teheran versetzen. Dann wieder verbannte er sich und die Seinen für ein Jahr nach Elba, weil er an einem Buch schreiben wollte.

Tonys Vorliebe, das Bestehende zu hinterfragen, drängte ihn 1990 zu existenziellen Konsequenzen. Sein Erstgeborener war an einem Gehirntumor gestorben. Für Tony Musgrave brachen die letzten Gewissheiten zusammen. Alles schien morsch, faul und falsch: Er selbst, seine Ehe, sein Beruf und schließlich auch Deutschland. Überall lauerte der Tod.

Er trennte sich von seiner Frau und gab seinen Beruf auf.

So radikal er stets nach einer besseren, anderen Zukunft gesucht hatte, so tief tauchte er nun in die Vergangenheit. Die Computersysteme hatte er aufgegeben. Stattdessen forschte er jetzt am System des Nationalsozialismus. Er selbst war polnisch-jüdischer Herkunft. Jahrelang hockte er still in Archiven. Er rekonstruierte die Schicksale der 21 ermordeten Juden, die in seinem Wohnhaus in der Belziger Straße gelebt hatten. Was wusste die Hausverwaltung, was wussten die Nachbarn, wer hatte profitiert?

Auf der Suche nach seinen Wurzeln und einer anderen Welt zog er durch Polen, immer zu Fuß und allein.

Dann schrieb er einen Roman: Sechs Jahre lang versuchte er Leben und Tod, Gegenwart und Vergangenheit einander anzunähern. Langsam kehrte sein Lebensmut zurück. Er träumte von einer neuen, großen Liebe und einer Karriere als Schriftsteller. Doch die Verlage schickten Absagen und die Frauen wollten nie so heftig und so absolut wie er.

Je tiefer er in seinen Krisen versank, desto trotziger und tatendurstiger kam er aus ihnen hervor. Sein Buch gab er im Eigenverlag heraus, und seine große Liebe wollte er jetzt anderswo finden. Tony Musgrave, 65 Jahre alt, buchte eine Lastwagentour quer durch Afrika. Im Rucksack: Tabletten fürs Wasser, Kugelschreiberminen, Nähzeug, alles dabei.

Die Reise musste er dennoch unterbrechen. Möglicherweise waren die Malariatabletten schuld an der Auto-Immunschwäche. Zurück in Berlin fiel er in ein Koma, aus dem er nicht mehr erwachte.

Eines der letzten Fotos zeigt ihn in Marokko: Tony auf einem Kamel, über ihm ein riesiger Himmel, um ihn herum die Wüste, ein königsblauer Turban auf dem Kopf, gleißendes Licht. Andere Nordeuropäer sehen in solchen Inszenierungen aus wie Faschingsgäste. Nicht Tony Musgrave. Ein Karawanenhäuptling, könnte man meinen, ganz in seinem Element.

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