Wirtschaft : Top oder Flop

Die Möchtegern-Stars bei „Deutschland sucht den Superstar“ müssen nicht nur gut singen, sondern auch mental fit sein. Dabei hilft der Coach Klaus Biedermann – und greift dazu auf eine Methode zurück, die sich auch für die Arbeitswelt anbietet

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Im Hintergrund. Klaus Biedermann stärkt die Kandidaten für die Show. Foto: Privat
Im Hintergrund. Klaus Biedermann stärkt die Kandidaten für die Show. Foto: Privat

Wie kann ich so performen, dass es gut rüberkommt? Das wollen die meisten Kandidaten der RTL-Show „Deutschland sucht den Superstar“ von Klaus Biedermann wissen. Seit fünf Staffeln betreut er die Gruppe der Top-15, aber Ratschläge sind von ihm nicht zu erwarten.

Er selbst könne ja weder sonderlich gut singen, noch tanzen, dafür gebe es Stage- und Vocal-Coaches, sagt er. Biedermann ist Experte in einem anderen Bereich. Er ist Mental-Coach. Und als solcher dreht er den Spieß um: „Stell dir vor: Wir treffen uns am Sonntag, und du erzählst mir: Ich war super, es war ein Riesenerfolg. Dann frage ich dich: Wie hast du das geschafft?“, sagt er zu ihnen. Daraufhin entgegneten die Kandidaten zum Beispiel: Ich habe mich mehr bewegt, bin aufs Publikum zugegangen, habe Dieter Bohlen angelächelt. „Sie nennen mir selbst die Lösung.“

Auch heikle Situationen trainiert er mit den jungen Möchtegern-Stars. Wie damit umgehen, wenn man vor Millionenpublikum zur Schnecke gemacht wird? Das eigene Ziel visualisieren, den Bohlen Bohlen sein lassen. „Oft sagen sie nachher, der Klaus hat mir das mitgegeben. Stimmt nicht. Ich habe sie in die Vision gebracht, selbst die Lösung zu entwickeln“, sagt der Coach.

Es sind zumeist Menschen in Entscheidungskonflikten oder stressexponierten Positionen, die sich einen Coach nehmen. Die Motivation dahinter reicht vom Selbstoptimierungs-Willen bis zum totalen Überforderungsgefühl, das Klientenspektrum vom einfachen Angestellten bis zum Spitzensportler. Auch Weltmeister wie die Schwimmerin Britta Steffen und der Formel-1-Fahrer Sebastian Vettel lassen sich mental coachen.

Klaus Biedermann hat es vielfach mit Führungskräften und angehenden Managern zu tun. Die sind es gewohnt, Anweisungen zu erteilen. „Aber so behandelt man Kinder. Und dann benehmen sich die Untergebenen entsprechend“, sagt Biedermann. Seine Methode gebe der Führungskraft Fragen an die Hand, mittels derer die Mitarbeiter eigene Lösungen entwickeln könnten – „und für die gehen sie durchs Feuer. Nicht für die des Chefs.“

Als systemischer Coach bezieht Biedermann bei seiner Wegbegleitung das Umfeld mit ein, Familie, Freunde, Kollegen. Was, wenn aus einem Durchschnittsleister ein High-Performer wird – freuen sich die Kollegen für ihn, oder werden sie ihn mobben? Solche Fragen werden berücksichtigt, sagt Biedermann, der in Köln die Akademie „acoach“ führt.

Der Begriff Coach sei eine inflationär gebrauchte Berufsbezeichnung: „Wenn Sie den Fernseher anschalten, da coacht ja jeder jeden.“ Aber in seinem Verständnis sind die meisten davon eher Berater, Trainer oder Lehrer. Leute, die durchaus ein kurzzeitiges Motivationsfeuer zu entfachen verstehen. Aber die den Hebel von außen ansetzen. Biedermanns Devise ist: nicht motiviert werden, sondern sich selbst motivieren.

Es gab eine Zeit in seinem Berufsleben, da nahm er noch an, man könne andere Menschen heilen. „Ein weit verbreiteter Irrglaube“, sagt er heute. Als Psychotherapeut arbeitete er unter anderem mit Suchtkranken, mit einer Gruppe alkoholabhängiger Männer etwa, kaum einer war freiwillig in Behandlung. Biedermann hörte sich den ganzen Tag über Probleme an, am Abend fühlte er sich gerädert. Später wandte er sich der klinischen Hypnose zu, hatte eine Praxis für Hypnotherapie in München, ein Fortschritt, weil immerhin Patienten mit einem klaren Ziel zu ihm kamen, Menschen, die gegen Phobien, Depressionen oder Übergewicht angehen wollten. Aber auch da stieß er an Grenzen. Und realisierte schließlich: „Der beste Arzt wohnt in einem selbst.“

Der Ansatz, den Biedermann als Mentalcoach vertritt, geht davon aus, dass der Klient die Lösung für seine Probleme in sich trägt – nur ist ihm der Zugang vorübergehend versperrt. Ein Modell, das auf den Hypnotherapeuten Milton Erickson zurückgeht, der Patienten ihre ideale Zukunft beschreiben ließ. Nun musste noch der Weg gefunden werden. Weiterentwickelt wurde die lösungsfokussierte Methode von dem amerikanischen Therapeuten-Paar Steve de Shazer und Insoo Kim Berg, die sich auf Wittgenstein beriefen: „Problem und Lösung stehen in keinem Zusammenhang.“

Die falsche Erwartung sei oft, sagt auch Biedermann: „Je mehr ich dem Coach erzähle, desto besser versteht er mich. Und dann zückt er den Rezeptblock.“ Sicher, er hört sich die oft verzweifelten Schilderungen der Klienten durchaus an. Der Ansatz sei nicht „problemphobisch“, wie bisweilen geargwöhnt werde. Aber Biedermann fragt dann etwa: „Wie schaffen Sie das alles?“ Und schon, sagt er, müsse der Hilfesuchende eigene Stärken und Ressourcen benennen. „Im Prozess, in den Fragetechniken und Tools, die ich anwende, muss ich sicher sein. Für den Inhalt ist der Klient verantwortlich.“

Es gibt verschiedene Techniken, die Biedermann zur Anwendung bringen kann. Kommunikationstraining etwa: Kürzlich hatte er den Fall eines Chefs, dem in der Teamsitzung die Mitarbeiter ausstiegen – weil er nur mit zweien Blickkontakt gehalten hatte. Es gibt Entspannungsübungen, die auch im Joballtag nützen, oder die Klopfmethode EFT – die geht auf einen amerikanischen Orthopäden zurück, der bei einer Akupressur-Behandlung entdeckte, dass das Drücken bestimmter Meridianpunkte gegen Phobien hilft. Auch Visualisierungsübungen, „Phantasiereisen“, wie der Coach sie nennt, können helfen. Da antizipiert man den Weg zum Ziel wie ein Skisportler, der vor dem Start im Geiste die Piste abfährt, oder ein Golfer, der den bevorstehenden Schlag visualisiert. Freilich, betont Biedermann, müsse man auf die Klienten individuell eingehen, jeder brauche eine andere Methode.

Wie nun findet man auf dem unübersichtlichen Lebenshilfemarkt einen guten Coach? Biedermann hält es nicht für zwingend geboten, dass derjenige einen psychologischen Hintergrund hat. Auf Referenzen solle man achten, darauf, dass der Coach wirklich in der Praxis stehe. Was auch nicht schaden kann: wenn der Coach die Kunst der liebevollen Provokation beherrscht, die Biedermann gern anwendet, um das Verlangen nach Ratschlägen ins Absurde zu führen.

„Wenn einer fragt, was er mit dem ungeliebten Kollegen machen soll, sage ich: die 45er Magnum könnte helfen.“ Ein Klient, der über sich selbst lachen könne, „hat schon Abstand zu seinem Problem gewonnen.“

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