Wirtschaft : Topmanager sehen gute Chancen im Euro-Jahr

Hohe Wettbewerbsfähigkeit / Schrempp: "Staat hat leider keinen Beitrag geleistet" / Geil erwartet Ost-Aufschwung DÜSSELDORF (mb/HB/Tsp).Führende Repräsentanten der deutschen Industrie und der Kreditwirtschaft sehen die deutsche Wirtschaft gestärkt ins Euro-Jahr 1998 gehen.Die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen hat sich nach Ansicht der Manager im ablaufenden Jahr 1997 deutlich verbessert.Schwere Vorwürfe machen sie jedoch der Politik, die die notwendigen wirtschaftspolitischen Reformen verschleppt habe.Dies ergibt sich aus einer Jahresend-Umfrage des Handelsblattes unter deutschen Topmanagern. Danach glauben die Unternehmer, im vergangenen Jahr einen Gutteil des notwendigen Strukturwandels gemeistert zu haben ­ trotz der Versäumnisse der Politik.Gerade im Automobilbereich haben die deutschen Hersteller laut dem Vorstandsvorsitzenden der Daimler-Benz AG, Jürgen E.Schrempp, über neue Produkte und verbesserte Abläufe stark an Wettbewerbsfähigkeit zurückgewonnen.Im Gegensatz zum Anfang der 90er Jahre unterstützten günstige Wechselkurse und maßvolle Tarifabschlüsse den Erfolg.Obwohl die Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit stark verbesserten, sei von staatlicher Seite hierzu "leider kein Beitrag" gekommen, sagte Schrempp.Die Agenda der notwendigen wirtschaftspolitischen Reformen in Deutschland sei in den letzten Jahren nahezu unverändert geblieben: "Ohne eine grundlegende Steuerreform, ohne eine Neuorientierung der Bildungspolitik, ohne eine leistungsfähigere Forschungs- und Technologiepolitik und ohne den Umbau des Sozialstaates läßt sich der unabwendbare Strukturwandel gesamtwirtschaftlich nicht effizient, sondern nur mit Verlusten bewerkstelligen", kritisierte der Daimler-Chef. Nach Ansicht von Bernd Pischetsrieder, Vorstandsvorsitzender der BMW AG, steht Deutschland heute vor der Herausforderung, zu einer risikobejahenden und damit zukunftsoffenen Gesellschaft zurückzufinden: "Wir brauchen eine neue Kultur unternehmerischer Selbständigkeit.Eine Wiederentdeckung und Anerkennung des Unternehmertums ist notwendig.Die Voraussetzung dafür in der Steuerpolitik und in der Sozialpolitik zu schaffen, ist Aufgabe der in der Bundesrepublik Handelnden, manchmal aber auch eher Verhindernden." Schrempp wie Pischetsrieder versprechen sich von der Einführung des Euro weitere Impulse, erwarten jedoch auch, daß die europäische Währung kein "Allheilmittel für die Beschäftigungssituation in Deutschland" sein werde.Grundsätzlich sei aber positiv zu vermerken, daß der unternehmerische Erfolg nicht mehr durch Wechselkursschwankungen beeinflußt oder gar konterkariert werden könne.Mit dem Euro werde sich die verbesserte Planungs- und Kalkulationssicherheit positiv auf unternehmerische Entscheidungen auswirken. Auch der Sprecher des Vorstandes der Deutschen Bank AG, Rolf E.Breuer, betonte die Bedeutung des Euro für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen.Allerdings würden die ausländischen Konkurrenten ebenfalls davon profitieren, daß ein einheitlicher großer europäischer Binnenmarkt entstehe.Die deutschen Unternehmen hätten die Chance und Verantwortung, sich in einem harten Wettbewerb zu behaupten.Dies werde ihnen um so leichter fallen, wenn Gewerkschaften und staatliche Wirtschaftspolitiken mit ihnen an einem Strang zögen."Mehr Wachstum und Beschäftigung in Euro-Land sind möglich.Der Euro bietet eine hervorragende Grundlage, aber keine Garantie", sagte Breuer. Manfred Schneider, Vorsitzender des Vorstandes der Bayer AG, forderte eine deutliche Verringerung der "viel zu hohen Belastung mit Steuern und Abgaben sowie eine Verminderung der Lohnzusatzkosten".Hermann-Josef Lamberti, Vorsitzender der Geschäftsführung der IBM Deutschland GmbH, nannte es eine vordringliche Aufgabe für 1998, "den Bildungsgau abzuwenden".Deutschland laufe Gefahr, in eine Bildungsfalle zu geraten."Eine Gesellschaft, die wie kaum eine andere auf den Faktor Bildung und Wissen angewiesen ist und zugleich versäumt, sich auf die Anforderungen des nächsten Jahrtausends einzustellen, hat schlechte Karten im internationalen Wettbewerb." Ein geeigneter Gradmesser für die Zukunftsfähigkeit der deutschen Wirtschaft sei der Einsatz von Informationstechnik in Schulen und Universitäten und die Bereitschaft der Lehrer, mit den neuen Möglichkeiten umzugehen, sagte Lamberti.Deutschlands Nachwuchs müsse in die Lage versetzt werden, angesichts der weltweiten informationstechnischen Revolution selbst treibende Kraft und nicht Zuschauer zu sein.Dazu bedürfe es finanzieller Mittel und des politischen Willens, die vorhandenen Gelder tatsächlich in Konzepten für Schulen und Universitäten flächendeckend einzusetzen. Für die neuen Bundesländer erwartet der Beauftragte der Bundesregierung, Rudi Geil, im kommenden Jahr einen deutlichen Wirtschaftsaufschwung.Trotz aller Probleme sei der Aufbau Ost vorangekommen.Als Beispiel nannte er die Bereiche Infrastruktur und Telekommunikation sowie ein Industrie-Wachstum von zehn Prozent.Auch die Exporte aus den neuen Ländern entwickelten sich nun vielversprechend, sagte Geil in einem Rundfunkinterview. Zurückhaltend äußerte sich Geil allerdings zu den Perspektiven am Arbeitsmarkt.Er gehe davon aus, daß es 1998 im verarbeitenden Gewerbe zusätzlich Beschäftigung geben werde."Die Frage ist, ob sie so hoch sein kann, wie das, was uns am Bau wegbricht", sagte Geil.Die neuen Länder hätten 1997 wegen der Baukrise unter dem unerwartet starken Beschäftigungsrückgang gelitten.

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