Wirtschaft : Tor für Deutschland

Die WM hat Touristen angezogen und die Wirtschaft angekurbelt – aber wie dauerhaft ist der Boom?

Henrik Mortsiefer

Berlin - Der Jubel der Fußballfans, die 2006 zur WM nach Deutschland kamen, klingt nach: „Unser Land hat sich ins Gedächtnis der Welt eingeprägt“, freut sich Ernst Hinsken, der Tourismusbeauftragte der Bundesregierung. Der stets optimistische Bayer glaubt an eine „nachhaltige Wirkung“ des Sportereignisses auf den Standort Deutschland und seine Tourismuswirtschaft über das Jahr 2006 hinaus. „38 Prozent der Brasilianer kennen jetzt Dortmund“, sagt Hinsken. Vor den sechs WM-Spielen in der Ruhrgebietsstadt sei es kaum ein Fünftel gewesen.

Das Reiseland Deutschland, da sind sich nicht nur Tourismus-Lobbyisten einig, ist durch die Fußball-WM rund um den Globus attraktiver geworden. Von den etwa zwei Millionen ausländischen Gästen, von denen Hinsken zufolge 43 Prozent zum ersten Mal in Deutschland waren, wollen 90 Prozent wiederkommen. Ausländer haben dabei nicht nur während ihres Aufenthaltes Geld im Land gelassen. „Für die Tourismuswirtschaft wirkt der Imagefaktor auch in Zukunft nach“, sagt Postbank-Chefvolkswirt Marco Bargel. Für das deutsche Bruttoinlandsprodukt insgesamt sei die WM zwar mit einem Beitrag von 0,5 Prozent nur ein Tropfen auf den heißen Stein gewesen. Aber: „Das Event kam zur rechten Zeit“, sagt Bargel. „Die WM hat dem Wachstum noch ein wenig mehr Schwung gegeben.“

In Berlin sind die wirtschaftlichen Effekte besonders kräftig ausgefallen, wie die Investitionsbank IBB in einer aktuellen Modellrechnung belegt. „Allein dem Tourismus zur Fußballweltmeisterschaft hat Berlin rund 360 Millionen Euro mehr an Wirtschaftsleistung zu verdanken“, schreibt Hartmut Mertens, IBB-Chefvolkswirt. Paradox: Das Beherbergungsgewerbe der Hauptstadt war – anders als etwa die Konkurrenz in Frankfurt am Main – vom WM-Turnier selbst enttäuscht. So sank im Juni das offizielle Besucher- und Übernachtungsaufkommen in Berlin sogar um 2,3 beziehungsweise 2,6 Prozent. Die IBB schätzt allerdings, dass die Zahl der „informellen Fußball-Übernachtungen“ (durchschnittlich 300 000 Besucher pro Tag) die Zahl der statistisch erfassten stark übersteigt. Dennoch: Die Stornierung von 60 Prozent der vom Fußballverband Fifa reservierten Zimmer machte der örtlichen Hotellerie einen besonders dicken Strich durch die Rechnung. Dass sich die Branche am Ende dennoch als WM-Gewinner präsentierte, ist üppigen Preiserhöhungen zu verdanken.

Damit lag Berlin im Bundestrend. „Viele Geschäfts- und Tagungsgäste haben Deutschland während der WM gemieden“, sagt Stefanie Heckel, Sprecherin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga). Die Zimmerauslastung sei im Juni bundesweit um 2,7 Prozent gesunken. Gleichzeitig sei aber der durchschnittliche Zimmerpreis um fast 40 Prozent von 83 auf 113 Euro gestiegen: „Das hat die Einbußen ausgeglichen.“ Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes stiegen die Umsätze des Gastgewerbes während der WM um vier Prozent oder 300 Millionen Euro.

Verglichen mit anderen europäischen Metropolen sind Deutschland und Berlin dabei nach Dehoga-Angaben preiswert. So kostete ein Hotelzimmer in London im Jahr 2005 im Schnitt 156 Euro pro Nacht, in Paris 185 Euro – in Berlin mussten nur 83 Euro bezahlt werden. Der Hotelverband hofft, dass der „WM-Schwung 2007 anhält“ – wenn die höhere Mehrwertsteuer die Konjunktur nicht abwürgt. 2006 habe die Branche den Umsatz (2005: 55,9 Milliarden Euro) nach vier Minus-Jahren um 1,5 Prozent gesteigert.

Wie nachhaltig die WM auf die Beschäftigung wirkt, ist umstritten. Tourismusbeauftragter Hinsken schätzt, „dass von den 50 000 während der WM entstandenen Jobs 20 000 auch 2007 erhalten bleiben“. In Berlin ist die Quote ähnlich: Laut IBB wird etwa die Hälfte der 5700 während der WM befristet geschaffenen Arbeitsplätze „eine gewisse Zeit“ überleben. Postbank-Volkswirt Bargel hält den Beschäftigungseffekt allerdings für unerheblich: „Momentan entstehen in Deutschland ohnehin jeden Monat 30 000 Jobs.“

Die Bank hatte schon im Sommer in einer Studie gezeigt, dass der Stimmungsaufschwung im Austragungsjahr einer WM meist von kurzer Dauer ist. Nur in einem von acht untersuchten WM-Gastgeberländern, die im Austragungsjahr einen Anstieg des Konsumentenvertrauens verzeichnet hatten, setzte sich der Auftrieb auch im darauffolgenden Jahr fort.

Ernst Hinsken kann das nicht schrecken. Die zwei Milliarden Euro, die allein der Handel während der WM mehr umgesetzt habe, seien kein Einmaleffekt. Die WM bleibe für Deutschland ein Verkaufsschlager. Freilich müsse die Werbetrommel weiter gerührt werden: „Jeder Euro, der in die Werbung gesteckt wird, fließt in die Tourismuswirtschaft zurück“, glaubt Hinsken. 320 Millionen Euro kamen bei Bund, Ländern und Kommunen im WM-Jahr für das Tourismusmarketing zusammen.

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