Tourismus : Das Ende des Zwei-Säulen-Modells

Tui-Chef Michael Frenzel muss sich dem Druck der Aktionäre beugen und Hapag-Lloyd verkaufen.

Juliane Schäuble

BerlinDie Einsicht kam spät. „Man kann ein Unternehmen nicht auf Dauer gegen den Markt führen“, kommentierte Tui-Vorstandschef Michael Frenzel vor zwei Wochen seinen erneuten Strategiewechsel. Viel später hätte Frenzel die Kursänderung – Trennung von der Traditionsreederei Hapag-Lloyd und Konzentration auf die Touristik – auch nicht einläuten können, wollte er nicht Gefahr laufen, auf der Hauptversammlung am 7. Mai eine Niederlage einzustecken.

Ob sich der dienstälteste Vorstandsvorsitzende unter den 30 Dax-Konzernchefs mit seiner Kehrtwende wieder einmal gerettet hat, ist offen. Sicher ist: Die Tui AG wird zerschlagen – wogegen Frenzel selbst lange gekämpft hatte. Der Vorstandschef musste sich dem Druck des norwegischen Tankerkönigs John Fredriksen beugen, der gut fünf Prozent der Anteile hält. Das Ende von Frenzels Zwei-Säulen-Modell mit den Geschäftsfeldern Tourismus und Schifffahrt ist damit beschlossene Sache.

Ist der 61-Jährige damit gescheitert? Offenbar nicht. Denn die Ablösung des Tui-Chefs, etwa von dem US-amerikanischen Investor Guy Wyser-Pratte energisch gefordert, scheint erst einmal vom Tisch. Die wahrscheinliche Erklärung: Es gibt derzeit keinen anderen. Der Aufsichtsrat hat Frenzels Vertrag denn auch im Januar bereits bis 2012 vorzeitig verlängert. „Derzeit sucht keiner nach einem Nachfolger“, heißt es in Aufsichtsratskreisen.

Doch die Kritik an Frenzel reißt nicht ab. „Zwar ist die derzeitige Buchungslage gut. Aber bei der Hauptversammlung geht es um die Geschäftsentwicklung im vergangenen Jahr – und da nehme ich insgesamt eine kritische Haltung ein“, sagte der niedersächsische Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Wolfgang Krafczyk, auf Anfrage. „Ich kann immer noch keine Strategie erkennen.“ Aber auch der Aktionärsschützer räumt ein, dass der Stuhl des Tui-Chefs stabil steht. „Es ist wirklich erstaunlich, wie der sich immer wieder aus der Affäre zieht.“ Der DSW-Vertreter verweist auf den „Freundeskreis“, den Frenzel im Aufsichtsrat habe. Wenn es darum gehe, seinen eigenen Posten zu sichern, habe der gebürtige Leipziger ein „besonderes Talent“.

Krafczyk hat noch nicht entschieden, ob er Vorstand und Aufsichtsrat – in dem auch eine Geschäftsführerin der DSW sitzt – am 7. Mai entlasten wird. Der Münchner Privataktionär Richard Mayer hat immerhin schon einen Antrag, Frenzel das Vertrauen zu entziehen, auf die Tagesordnung gebracht. Der Hauptkritikpunkt zielt wie in der Vergangenheit auf die schwache Entwicklung des Aktienkurses. Investoren werfen Frenzel, der seit mehr als 14 Jahren an der Spitze der Tui steht, vor, mit seinen Entscheidungen Werte vernichtet zu haben.

Bis zum Aktionärstreffen sollte Frenzel eine Lösung für die Abspaltung der Hapag-Lloyd, immerhin die weltweit fünftgrößte Reederei, gefunden haben. „Er muss einen Weg aufzeigen“, heißt es in Unternehmenskreisen. Drei Möglichkeiten stehen zur Auswahl. Die unwahrscheinlichste ist die, die Frenzel ursprünglich anstrebte: den Zusammenschluss der Reederei mit einem Partner aus Asien unter dem Dach der Tui-Holding. Die Stimmrechtsmehrheit von 51 Prozent behielte die Holding in Hannover.

Großaktionär Fredriksen fordert dagegen einen Spin-off. In diesem Fall würden die Tui-Aktien in eine Reise- und eine Schifffahrtsaktie aufgeteilt und der Konzern aufgespalten – ohne dass jedoch Geld fließt. Juristisch ist das problematisch, weil der Konzern Anleihen ausgegeben hat. Zudem würde der Anteil an der Schuldenlast von fast vier Milliarden Euro, den Hapag-Lloyd übernehmen müsste, das neue Unternehmen schwer belasten. Die plausibelste Lösung: Hapag-Lloyd mit rund 1900 Beschäftigten wird verkauft. Die Singapur-Reederei Neptune Orient Lines (NOL) hat dem Vernehmen nach bereits ein attraktives Angebot in Höhe von sieben Milliarden Dollar (rund 4,5 Milliarden Euro) abgegeben – und könnte sogar noch nachlegen. Aber auch andere Interessenten aus Asien sind denkbar, heißt es.

Übrig bliebe ein reines Touristikunternehmen – mit dem Hauptbereich Reiseveranstalter sowie den zwei kleineren, ertragsstarken Geschäftsfeldern Hotels und Kreuzfahrten. Das Geld aus dem Verkauf der Hapag-Lloyd soll neben dem Schuldenabbau für Zukäufe in der Touristik verwendet werden. Das passt auch in das Kalkül eines anderen Großinvestors, der zum Frenzel-Lager gezählt wird. Der russische Stahl-Unternehmer Alexej Mordaschow hat großes Interesse daran, das touristische Standbein der Tui zu stärken, um den russischen Markt zu erschließen. Und zwar mit Blick auf die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi am Schwarzen Meer. Den Anteil seiner S-Group Travel Holding an der Tui AG will Mordaschow offenbar von fünf Prozent auf zehn Prozent aufstocken.

Fraglich ist aber, ob eine Holding nach der Zerschlagung überhaupt noch Sinn macht. Wozu braucht man eine Zentrale in Hannover, wenn die Hamburger Hapag-Lloyd verkauft wird und das Reisegeschäft von London aus geführt wird? Böse Zungen vermuten, dass Frenzel das Geld aus dem Verkauf der Reederei nehmen könnte, um eine zweite Touristiksparte zu kaufen. So hätte die Holding einen Sinn – und Frenzel seinen Job gesichert.

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