Wirtschaft : Tourismus: "Die Lust am Reisen ist vielen vergangen"

Herr Öger[was ging Ihnen nach den Anschl&aum]

Vural Öger (59) ist Chef des nach ihm benannten Reiseunternehmens Öger Tours in Hamburg. Als Sohn eines türkischen Offiziers wurde Vural Öger 1942 in Ankara geboren und wuchs in Istanbul auf. Seit 1960 lebt Öger in Deutschland. Er studierte in Berlin an der TU Ingenieurwissenschaften. Als er während der Studentenunruhen von der Polizei misshandelt wurde, vertrat ihn der Anwalt Otto Schily. In Hamburg bot Öger 1969 Gastarbeitern erstmals billige Flüge in die Türkei an. Seit einigen Jahren ist Öger deutscher Staatsangehöriger.

Die Chronik des Touristikunternehmens Öger Tours beginnt 1969. "Hamburg-Istanbul und zurück" verkauft der Diplomingenieur Vural Öger für 395 Mark. Das Unternehmen wurde zum führende Türkei-Veranstalter. Zur Gruppe gehören inzwischen Hotels, Ferienclubs und Busunternehmen. Bis heute ist Öger Tours unabhängig geblieben, nur die Lufthansa-Tochter Condor beteiligte sich mit zehn Prozent. Im laufenden Geschäftsjahr kommt Öger Tours auf einen Umsatz von gut einer Milliarde Mark. Im vergangenen Jahr wurden über 800 000 Gäste gezählt, knapp 200 Mitarbeiter hat Öger Tours in Deutschland. Zur Gruppe gehören neben der Stammfirma der Billiganbieter ATT Touristik und der Flugveranstalter Öger Türk Tour.

Herr Öger, was ging Ihnen nach den Anschläge in New York und Washington durch den Kopf?

Ich war schmerzlich betroffen, saß sprachlos vor dem Fernseher. Die Bilder haben mich tagelang begleitet. Das war ein barbarisches Verbrechen. Mit dem Islam hat das wenig zu tun. Woher kommt der Hass dieser Terroristen gegenüber dem Westen? Im Koran steht: Töten unschuldiger Menschen ist ein Verbrechen.

Als Reiseunternehmer haben Sie schwierige Zeiten erlebt. 1996 den Absturz einer Maschine in der Karibik, vor zwei Jahren nach der Verhaftung von Kurdenführer Öcalan die Probleme mit den Reisen in die Türkei. Macht Ihnen Ihr Beruf nach den Anschlägen noch Freude?

Diese Situation ist unvergleichbar. Aber gerade jetzt fühle ich mich noch mehr gefordert. Ich versuche, die Situation zu analysieren und das Beste daraus zu machen.

Sie werben für Reisen in die Golfregion, in die arabischen Emirate, nach Ägypten und in die Türkei. Will da noch jemand hin?

Die kurzfristigen Stornierungen, zwischen drei und fünf Prozent, hielten sich überraschenderweise in Grenzen. Und die neuen Buchungseingänge scheinen den Einbruch zu kompensieren. Dabei ist die Türkei längst nicht so betroffen wie die arabischen Länder, beispielsweise Ägypten.

Wie sicher sind Reisen in diese Länder?

Die Türkei zum Beispiel steht als Nato-Partner an der Seite der USA. Ich frage mich, wer jetzt Urlauber an türkischen Badestränden angreifen würde.

Wir erinnern uns an die Überfälle auf Touristen in Ägypten...

In Ägypten sind die Terroristen eine Minderheit. Genau wie die RAF in den 70er Jahren in der Bundesrepublik. Im Übrigen aber ist Ägypten auch nicht die Türkei. Die Seelenlage dieser Völker ist völlig unterschiedlich. Die arabischen Länder waren im 19. Jahrhundert Kolonien des Westens. Hier liegen Wurzeln des Hasses. Und dass die US-Nahostpolitik viele Araber provoziert, muss niemand weiter erklären. Als Nato-Land steht die Türkei auf der Seite des Westens. Dem türkischen Bürgertum ist das fundamentalistische Gedankengut aus manchen arabischen Ländern fremd.

Unter welchen Umständen würden Sie Reiseangebote zurückziehen?

Das Interesse an Reisen nach Ägypten hält sich in Grenzen. Bleibt die Zurückhaltung der Kundschaft bestehen, müssen wir das Angebot für die Wintersaison reduzieren.

Wann würden Sie eine Region komplett aus dem Programm nehmen?

Reisen in die arabischen Länder sind so sicher wie vor dem 11. September. Das ist meine Meinung. Ausschlaggebend aber bleibt, was das Auswärtige Amt dazu sagt.

Wie wird das Reisejahr 2001 insgesamt ausfallen?

Die Sommersaison, die bis Ende Oktober geht, verlief für uns sehr gut. Wir rechnen mit über 40 Prozent mehr Umsatz. Beim Wintergeschäft sieht es anders aus. Die gesamte Branche wird betroffen sein. Es wird deutliche Umsatzrückgänge bei Reisen in den Nahen Osten geben: nach Ägypten, Israel, einfach in alle islamischen Länder.

Wohin reisen die Leute dann?

Unmittelbar nach den Terroranschlägen haben viele Kunden aus moralischen Gründen ihre Reise storniert. Vielen ist die Lust am Reisen schlicht vergangen. Allmählich steigt das Interesse wieder. Reiseziele in Spanien und auf den Kanaren sind gefragt.

Haben Sie bei den Kunden eine Angst vor dem Fliegen beobachtet?

In den Medien ist die Angst offenbar größer als bei den Kunden. Die besonnene Haltung der USA beruhigt offenbar viele unserer Kunden. Seit einer Woche normalisieren sich jedenfalls unsere Storno-Zahlen.

Kann Reisen je wieder als so sicher gelten wie vor dem 11. September?

Niemand kann sporadische Terroranschläge ausschließen. Aber ich glaube nicht, dass Touristenzentren getroffen werden. Wir müssen uns die Frage nach den Motiven stellen. Ich sage: Der Nährboden für Gewalt kommt aus dem Umfeld derjenigen, die von den USA und ihrer einäugigen Nahostpolitik enttäuscht sind, und die ohne Perspektive in Armut, Elend und Unterdrückung leben und keine Chance auf Besserung haben.

Welche Sicherheitsvorkehrungen treffen Sie für Ihre Kundschaft?

Ich glaube nicht, dass wir Veranstalter jetzt im Mittelpunkt stehen. Die Fluggesellschaften freilich haben ihre Sicherheitsvorkehrungen drastisch erhöht. Aber wenn es darum geht, die Weltöffentlichkeit auf sich aufmerksam zu machen, werden Terroristen immer Wege und Mittel finden.

Können Sie sich Sicherheitskräfte an Bord von Charterflugzeugen vorstellen?

Natürlich kann ich mir Sky-Marshals auch in Charterflugzeugen vorstellen. Aber ich glaube, dass jetzt an anderer Stelle, etwa auf den transatlantischen Linienflügen, mehr Vorkehrungen getroffen werden müssen. Durch Zusatzkontrollen auf Flughäfen und einen erschwerten Zugang zum Cockpit.

Wie teuer wird dadurch das Reisen?

Es wird sich in Grenzen halten. Das Flugticket dürfte zwischen zehn bis 20 Mark teurer werden. Vielleicht gibt es auch Sicherheitsgebühren, die die Flughäfen erheben werden. Das werden aber nur kleinere Markbeträge sein.

Wer ist stärker betroffen: die großen, integrierten Reisekonzerne oder die kleineren Unternehmen?

Die Großen, die auch große Umsätze machen sind zurzeit natürlich quantitativ betroffen. Doch sie werden die Krise auf Grund ihrer Kapitalkraft meistern. Und wir auch. Bei den ganz kleinen Veranstaltern ist die wirtschaftliche Lage davon abhängig, auf welche Destinationen sie spezialisiert sind.

Was unternehmen die Länder, die von den Devisen der Touristen profitieren, um den Urlaubern Sicherheit zu gewährleisten?

Der türkische Minister für Fremdenverkehr hat uns vor einer Woche besucht und uns verstärkte Kontrollmaßnahmen an den Flughäfen zugesichert. Dabei zählt der Flughafen von Istanbul zu den sichersten überhaupt. Auch aus Ägypten und Tunesien höre ich, dass die Kontrollen verstärkt werden. Mehr können die Länder aber auch nicht unternehmen. Handlungsbedarf sehe ich an ganz anderer Stelle.

Und zwar?

Unsere Gesellschaft braucht Besonnenheit. Es kann nicht sein, dass Menschen mit arabischem Namen kein Zimmer mehr in Hamburg-Harburg finden. Wir dürfen die pro-westlichen Kräfte in der islamischen Welt nicht ausgrenzen. Wir müssen erkennen: Hier wird eine Weltreligion, der Islam, gezielt von Terroristen missbraucht. Alle Religionen stehen für Moral, für Anstand und Toleranz. Auch der Islam.

Sind Sie ein religiöser Mensch?

Wie die meisten Türken bin ich laizistisch erzogen, das heißt im Geiste einer Trennung von Staat und Religion. Für uns ist Religion etwas, was sich zwischen Gott und dem Einzelnen abspielt. Mit weltlichen Dingen hat das nichts zu tun.

Fürchten Sie, dass die weltweit ausgerichtete Reisebranche zunehmend ins Kreuzfeuer der Globalisierungskritiker gerät?

Das ist kein Problem unserer Branche. Es gibt in der ganzen Welt Verlierer der Globalisierung. Zwei Drittel der Menschheit lebt unter dem Existenzminimum. So lange solche Verhältnisse herrschen, wird es immer Nährböden für Terrorismus geben. Ich sage klipp und klar: In ein globales Dorf passt weder eine Festung USA noch eine Festung Europa. Wir sollten uns ernsthaft fragen, ob wir nicht eine gerechtere Verteilung der Ressourcen brauchen. So lange die Kluft zwischen Wohlstand und Armut größer wird, wird die Welt nicht zur Ruhe kommen.

Der Individualtourismus könnte den Dialog der Kulturen fördern. Wäre es nicht sinnvoll, die Urlauber aus ihren All-Inclusive-Ghettos zu lotsen?

Sie sprechen mir aus dem Herzen. Ich bin kein Fan von All-Inclusive.

Warum bieten Sie das dann an?

Es kann doch nicht alles nach meinen Vorstellungen gehen. Wenn unsere Kunden All-Inclusive verlangen, bieten wir ihnen das auch an. Ich muss dem Trend folgen. Ich bin Unternehmer.

Inwiefern fühlen Sie sich als politisch denkender Mensch nach den Terroranschlägen gefordert?

Ich fühle mich als Mensch, der in der deutschen und türkischen Kultur zu Hause ist, zur Vermittlung verpflichtet. Ich sehe mit Sorge die wachsenden Vorurteile in unserer Gesellschaft, die meistens durch fehlende Information entstehen. Ich versuche, Informationen zu liefern und Vorurteile abzubauen, wo immer ich kann.

Wo verbringen Sie ihren nächsten Urlaub?

Ich fahre über Weihnachten zwei Wochen zum Abfahrtski ins Engadin. Schon seit elf Jahren. Ich liebe die Berge. Dort lade ich meine Batterien auf.

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