Tourismus : Griechenland zieht wieder Urlauber an

Rückkehr zum Idyll: Griechenlands Tourismus erholt sich, trotz Schuldenkrise und Flüchtlingsproblematik. Warum viele Hoteliers dennoch bangen.

Markus Bernarth
Inselromantik: Kreta zählt zu den liebsten Zielen der Deutschen. Foto: imago/Peter Homann
Inselromantik: Kreta zählt zu den liebsten Zielen der Deutschen.Foto: imago/Peter Homann

Athen - Es gibt Branchen in diesem Land der Dauerkrise, die schwer zu vermarkten sind. Diese gehört nicht dazu. „Wir steuern auf das fünfte Rekordjahr bei den Besucherzahlen zu“, sagt Jossif Parsalis, Manager von Marketing Greece, dem zentralen Verein zur Förderung des Tourismus in Griechenland. „Das ist angesichts der starken früheren Jahre außergewöhnlich positiv.“
Trotz Schuldenkrise und Flüchtlingsproblemen zieht Griechenland immer mehr Urlauber an. 27,8 Millionen Touristen waren es im vergangenen Jahr, wenigstens eine halbe Million mehr sollen es dieses Jahr sein. Selbst im Drama- Jahr 2015, als Alexis Tsipras und seine linksgerichtete Partei vorübergehend die Banken schließen mussten, haben die Besucherzahlen um sieben Prozent zugelegt.

Die Besucher wollten das Elend nicht sehen

Seit Mai sind die U-Bahnen vom Flughafen in die Athener Innenstadt auch schon wieder ordentlich voll. Griechenlands Tourismussaison kommt mit Beginn der Pfingstferien in Europa in Fahrt. Zwei, drei Tage Athen und dann von Piräus mit der Fähre zu den Inseln in der Ägäis sind das übliche Programm. In Kap Sounio, an der Westspitze Attikas, wo ein Poseidon-Tempel hoch über dem Meer steht, rollen vormittags die ersten Busse mit chinesischen Touristen ein. Unter den Inseln ist Kreta die mit Abstand populärste Destination, auch Ziel vieler Deutscher. 230 000 Ankünfte aus dem Ausland wurden auf den Flughäfen allein im April gezählt.

Marktführer Tui gab dieser Tage 23 Prozent mehr Buchungen für Griechenland an. Die Deutschen steuern den Westteil des Peloppones und die Ressorthotels in Chalkidiki an, vor allem aber auch Kos. Die Insel, die nahe der türkischen Küste und dem Jetset-Urlauberort Bodrum liegt, musste 2015 und 2016 starke Einbußen hinnehmen. Viele Pauschaltouristen mochten das Elend der Flüchtlinge nicht mit ansehen. Jetzt hat sich ihre Zahl bei etwa 2400 stabilisiert. Der Bürgermeister der Insel drängte auf ihre Internierung – der Touristen wegen. Jetzt sieht man sie nicht mehr.

Die Griechen selber bleiben weg

Die Berlinerin Sabine König, die auf Nisiros, einer kleinen Nachbarinsel von Kos, ein Hotel mit ihrem Mann Toni betreibt, sieht Medienberichte über die Flüchtlinge als entscheidenden Grund für das bei ihr zuletzt mäßige Geschäft. Urlauber seien ausgeblieben, die Saison mit einem Mal auch kürzer geworden. Sie hofft, dass es dieses Jahr besser wird. Ähnliche Klagen hört man auf Lesbos oder Chios. Die Inseln haben große Flüchtlingslager und waren nie Ziel des Massentourismus. Urlauber müssen eine lange Fährfahrt über Athen antreten oder einen Inlandsflug buchen. Als sie noch Geld hatten, besuchten vor allem Griechen gern die Inseln in der Ostägäis. Seit Beginn der Wirtschaftskrise sind türkische Touristen zu einem wichtigen Faktor geworden. Für sie gelten auf den griechischen Inseln vor der türkischen Küste Visaerleichterungen. Die EU-Kommission wollte die Sonderregelung auslaufen lassen, wurde im April aber von der griechischen Regierung umgestimmt.

Das Land profitiert davon, dass Menschen die Türkei meiden

Die Tourismusindustrie erwirtschaftet mittlerweile fast 19 Prozent des griechischen Bruttoinlandsprodukts. 423 000 Jobs hingen im vergangenen Jahr direkt vom Tourismus ab. Bei einer Arbeitslosenquote von 23 Prozent und einer mehr als doppelt so hohen Jugendarbeitslosigkeit sind die Saisonjobs in Hotels, Restaurants und Geschäften enorm wichtig für das Land. Griechenland profitiert zudem derzeit vom Einbruch des Tourismus in der Türkei, in Ägypten und Tunesien, auch wenn Branchenkenner stets betonen, die Klientel sei eine andere. Tatsächlich haben sich die Urlauberströme auch nach Spanien verschoben, das mit 60 Millionen doppelt so viele Touristen hat wie Griechenland. In Griechenland sind die deutschen Urlauber mit rund zehn Prozent die größte Gruppe, gefolgt von Briten und Franzosen.

Griechenland selbst müsse als Ziel vermarktet werden – und nicht nur seine Hotels oder andere private Unternehmen, erklärt Jossif Parsalis, der Marketing-Chef. Das sei besonders wichtig für Deutschland, wo die Menschen eine große Affinität zu den Griechen hätten. Man probiert es mit neuen Konzepten, mit Medizin- oder Weinbautourismus auf dem griechischen Festland oder mit Urlaub auch in den Herbst- und Wintermonaten. Letzteres hatte bisher keinen rechten Erfolg. Im ersten Quartal dieses Jahres gingen die Einnahmen um knapp fünf Prozent zurück, während sie auf Zypern im selben Zeitraum um fast ein Viertel zulegten.

Die Chinesen sind die andere große Hoffnung. Cosco, die staatliche chinesische Reederei, die den Mehrheitsanteil am Hafens von Piräus hält, will vier weitere Anlegestellen für Kreuzfahrtschiffe bauen, komplett mit Shoppingmall und Hotel. Athen soll zu einem neuen Hub für Luxusliner im Mittelmeer werden.

Mehr Besucher - aber wo bleibt ihr Geld?

Eine der Sonderbarkeiten des griechischen Tourismusgeschäfts: Trotz steigender Besucherzahlen registriert die griechische Nationalbank jedes Jahr unverändert um die 14 Milliarden Euro Einnahmen in der Sparte. Die Touristen geben eben weniger Geld aus, lautet die eine Erklärung. Sie tun es ohne Kassenbeleg, die andere.

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