Tourismus : Kreuzfahrten in Piratengewässern

Neun weitere Schiffe mit deutschen Gästen sind bald auf dem Weg in die gefährliche Region vor Somalia. Geleitschutz bekommen sie nicht. Einige Reedereien greifen deshalb zu ungewöhnlichen Maßnahmen.

Miriam Braun,Corinna Visser
MS Astor
Auf gefährlicher Fahrt. Kreuzfahrtschiffe vor der Küste Somalias müssen damit rechnen, ins Visier von Piraten zu geraten. -Foto: obs

Berlin - Eigentlich hatten die 246 Passagiere nur eine Kreuzfahrt auf einem Drei- Sterne-Schiff gebucht. Doch nun übernachten sie drei Tage in einem Fünf- Sterne-Hotel in Dubai. Die Reederei Hapag-Lloyd hatte Geleitschutz für die MS Columbus auf ihrem Weg vom jemenitischen Hafen Hodeidah nach Salalah im Oman angefordert – mitten durch den gefährlichen Golf von Aden. Piraten machen die Schifffahrtsstraße unsicher. Der Geleitschutz wurde nicht gewährt. So startete die Reederei eine ungewöhnliche Aktion und flog die Passagiere am Mittwoch nach Dubai aus. An Bord des Schiffes blieb nur eine Minimalbesatzung, die für eine sichere Weiterfahrt gebraucht wird.

„An dieser Reise werden wir nichts verdienen, das ist ein offenes Geheimnis“, sagt ein Sprecher von Hapag-Lloyd. Sicherheit gehe jedoch vor. Mehr Glück hatte die MS Delphin Voyager, die von sechs Marineschiffen der Nato von Aden nach Salalah im Oman geleitet wurde.

Das auswärtige Amt hat eine Reisewarnung für Somalia und die Gewässer im Umfeld ausgesprochen. Dennoch werden bis Ende März noch weitere neun Schiffe von deutschen Veranstaltern den gefährlichen Golf von Aden passieren. Das sagte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Reiseverbands (DRV), Hans- Gustav Koch. „Wir möchten, dass jedes Kreuzfahrtschiff begleitet wird.“ Doch damit kann die Branche nicht rechnen. Zwar hat das Bundeskabinett am Mittwoch beschlossen, für die Mission „Atalanta“ bis zu 1400 Bundeswehr-Soldaten zu entsenden. Priorität habe aber der Schutz der von Seeräubern gefährdeten Hilfe für die notleidende Bevölkerung in Somalia. Kreuzfahrtschiffe stünden nicht an erster Stelle der Schutzliste, sagte Regierungssprecher Ulrich Wilhelm. So sieht das auch der Tourismusbeauftragte der Bundesregierung, Ernst Hinsken (CSU). „Jeder, der dort fährt, ist sich der Gefahr bewusst.“ Es könne nicht sein, dass der deutsche Steuerzahler für die Sicherheit der Schiffe in Anspruch genommen werde. Kreuzfahrtschiffe, die mit Soldaten ausgestattet werden, könne er sich überdies nicht vorstellen.

„Wir halten nichts von bewaffneten Besatzungen“, sagte Hans-Heinrich Nöll, Hauptgeschäftsführer vom Verband Deutscher Reeder. Es bestehe die Gefahr der Eskalation. Nur wenn Schiffe frei von Waffen blieben, sei die Freiheit der Schifffahrt nicht in Gefahr. Auch dass die Bewachung der Kreuzfahrtschiffe durch die Marine keine Priorität habe, kritisiert er nicht. Dass der Schutz von Nahrungsmitteltransporten im Vordergrund stehe, sei nachvollziehbar. „Der Schutz der Passagiere liegt in der Verantwortung der Reeder“, sagte Nöll. Die Bekämpfung der Piraterie sei dagegen eine Gemeinschaftsaufgabe.

Große Einbußen für die deutschen Kreuzfahrtveranstalter durch die Piratengefahr erwarten weder Nöll noch der DRV. Wenn die Kunden das anders sehen, hat die Touristikbranche ein Problem. Zwar sind nur 1,3 Prozent der Urlauber Kreuzfahrtgäste. Doch es ist das Segment mit den höchsten Wachstumsraten. Im Touristikjahr 2007/08 (bis Ende Oktober) wuchs der Umsatz der gesamten Branche um 3,5 Prozent, der Kreuzfahrtmarkt dagegen um zwölf Prozent.

Zu den Sicherheitsvorkehrungen an Bord wollte Nöll keine Details nennen. Die Frage, ob etwa der Kapitän eine Waffe tragen dürfe, richte sich nach den Waffengesetzen des Landes, unter dessen Fahne ein Schiff fahre. Fast alle fahren unter den Flaggen von Ländern wie Malta, Panama oder den Bahamas. Der Grund sind niedrigere Anforderungen an die Schiffsbesetzungen und geringere Lohnkosten.

Eine Ausnahme gibt es: Das bekannteste deutsche Kreuzfahrtschiff, die MS Deutschland, fährt unter deutscher Flagge. Das ZDF-Traumschiff ist gerade vor Tansania unterwegs und soll Mitte März den Golf von Aden durchqueren. Über die Sicherheitsmaßnahmen will die Reederei jetzt noch nicht entscheiden.

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