Wirtschaft : Tourismusindustrie: Verlierer: Abschied von den Pharaonen

Andrea Nüsse

Olivier Cohen aus Berlin kann es nicht fassen: "Wir waren die einzigen Besucher in Jerash." Die römische Stadtanlage nördlich von Amman gehört zu den historischen Sehenswürdigkeiten Jordaniens. Auch in Petra, der legendären Felsenstadt der Nabatäer, war es dem 33-jährigen Kaufmann einige Tage zuvor nicht anders ergangen. Dafür ist der aus Lyon stammende Wahlberliner, der gerne Souvenirs von seinen Reisen mitbringt, beim Handeln erfolgreich. "Wir sind oft die einzigen Kunden am Tag, das drückt die Preise." Stolz zeigt er den verzierten Holzstampfer mit Gefäß zum Zerkleinern von Kaffeeebohnen, die antike Kupferkanne und den riesigen Löffel zum Kaffeerösten vor, den er für 40 Dinar, umgerechnet 130 Mark erstanden hat. Olivier Cohen ist rundum zufrieden mit seiner zehntägigen Reise - auch die Freundlichkeit der Jordanier hat ihn beeindruckt. "Von Ressentiments gegen westliche Ausländer war nichts zu spüren."

Doch Olivier Cohen ist die Ausnahme. Seit den Anschlägen vom 11. September meiden viele Menschen Flugzeuge und - die arabische Welt. Der Tourismus, ein wichtiger Wirtschaftszweig Ägyptens und Jordaniens etwa, hat dramatische Einbrüche zu verzeichnen. Dabei beginnt gerade die Hochsaison. Die Zahl westeuropäischer Touristen, die das haschemitische Königreich besuchen, ging in den ersten neun Monaten des Jahres 2001 im Vergleich zum Vorjahr um 34 Prozent zurück, von 295 794 Besuchern auf 190 482. In Ägypten sieht es noch schlimmer aus. Ägyptens Tourismusminister Mamduh Beltagui spricht von Einbrüchen um bis zu 45 Prozent. Die Hotelzimmer sind nur noch zu 59 Prozent belegt. Im September 2000 waren es noch 72 Prozent. In Luxor, der Stadt der Pharaonengräber in Oberägypten, sind in diesem Oktober ein Drittel weniger Touristen angereist. Bei der Luftfahrtgesellschaft Egypt Air werden 40 Prozent Reservierungen annulliert. Alitalia meldet einen Einbruch um 70 Prozent bei den Fluggästen mit dem Reiseziel Kairo, und 40 Prozent weniger Geschäftsleute.

Damit leidet Ägypten zum dritten Mal seit dem Golfkrieg 1991 und den Anschlägen in Luxor 1997 unter einem dramatischen Rückgang der Einnahmen aus dem Tourismusgeschäft, das die Haupteinnahmequelle für Devisen des Landes ist. Im vergangenen Jahr brachten Reisende 4,3 Milliarden Dollar in das Land am Nil. Tourismusminister Beltagui versucht das Geschäft anzukurbeln, indem Inlandsflüge zu halben Preisen verkauft und die Eintrittspreise der historischen Sehenswürdigkeiten stark reduziert werden. Dennoch sieht er schwarz: "In den kommenden Monaten werden die Buchungen noch weiter zurückgehen". Die Weltlage legt die Vermutung nahe.

Gegen die Ängste der Westeuropäer können auch Anzeigen nichts ausrichten, erkannte die jordanische Tourismusvereinigung recht bald und zog eine geplante Anzeigen-Kampagne in britischen Zeitschriften und Zeitungen zurück. In Deutschland wurde sie auf Beilagen von Tageszeitungen reduziert. Stattdessen versucht Jordanien, verstärkt Touristen aus den reichen Golf-Monarchien und Osteuropa anzulocken. Seit dem 11. September bemüht sich das Land vor allem um Gäste aus Ungarn und Russland. Die Menschen dort seien weniger beeinflusst durch politische Ereignisse, sagt der Chef der jordanischen Tourismusvereinigung, Marwan Khoury. Aber auch die arabischen Touristen zögerten, dieser Tage in die USA oder nach Westeuropa zu reisen - aus Angst vor anti-arabischen Ressentiments, sollen vom Vorteil Jordaniens überzeugt werden. Ihnen will Khoury den "Medizintourismus" anpreisen: das Land verfügt über ausgezeichnete Krankenhäuser, zahlreiche Heilquellen und - das Tote Meer.

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