Traditionsunternehmen : Woche der Entscheidung für Schiesser

Der insolvente Wäschehersteller Schiesser macht wieder Gewinn. An diesem Dienstag treffen sich die Gläubiger, um über das weitere Vorgehen zu beraten.

Heike Jahberg

Berlin - Wird Wolfgang Joop eine Chance bekommen, beim insolventen Wäschehersteller Schiesser einzusteigen? Oder wird der bisherige Eigentümer, die Schweizer Familie Bechtler, auch in Zukunft beim Traditionsunternehmen das Sagen haben? „Die Chancen stehen 50 zu 50“, sagte Insolvenzverwalter Volker Grub dem Tagesspiegel.

An diesem Dienstag treffen sich die Gläubiger, um über das weitere Vorgehen zu beraten. 600 bis 700 Gläubiger gibt es insgesamt, sagt Grub. Er rechnet damit, dass 50 Leute anreisen werden. Die Entscheidung fällt dann aber im noch kleineren Kreis. Jeweils ein Vertreter der Banken, der Lieferanten, des Pensionssicherungsvereins und ein vom Betriebsrat beauftragter Rechtsanwalt werden entscheiden, ob Schiesser in den Händen der Schweizer bleibt oder ob das Unternehmen verkauft wird.

Die Eigentümerfamilie Bechtler hält über ihre Holding Hestatex seit den 20er Jahren die Mehrheit an Schiesser. Der Wäschehersteller mit Sitz in Radolfzell am Bodensee hatte am 9. Februar Insolvenz beantragt, weil die Familie den Geldhahn zugedreht hatte. Die Eigentümer hatten in den vergangenen Jahren regelmäßig zweistellige Millionenbeträge zugeschossen, berichtet der Betriebsratsvorsitzende von Schiesser, Hans-Dieter Schädler. Doch als der Vorstand in diesem Jahr einen weiteren Finanzbedarf von neun Millionen Euro angemeldet hatte, war der Familie angesichts der Wirtschaftskrise das Risiko zu groß.

Doch jetzt stehe Schiesser besser da als erwartet. „Wir haben uns überraschend wacker geschlagen, das Geschäft läuft gut“, berichtet Grub. „In diesem Jahr wird Schiesser schwarze Zahlen schreiben.“ Und auch auf das Insolvenzgeld der Arbeitsagentur sind die Beschäftigten schon seit langem nicht mehr angewiesen. Das wurde von Februar bis April gezahlt. „Seitdem erwirtschaften wir unsere Löhne selbst“, sagt Betriebsratschef Schädler. Rund 560 Menschen arbeiten derzeit noch am Firmensitz in Radolfzell, in den 70er Jahre hatte Schiesser in Deutschland noch 5500 Beschäftigte.

Am Montag will Bechtler sein Angebot an die Gläubiger vorlegen. Die Rede ist von einer Kapitalerhöhung, andere sprechen von Forderungsverzicht. Schiesser soll einen Schuldenberg von 80 Millionen Euro vor sich herschieben – Schuld daran war auch das Lizenzgeschäft, von dem sich Grub in den vergangenen Monaten getrennt hat. Für die Gläubiger, meint der Insolvenzverwalter, ist vor allem eines wichtig: „sichere Quoten“. Glauben die Gläubiger, dass Bechtler ihnen das bietet, kann Schiesser in die sogenannte Planinsolvenz gehen. Externe Investoren wären dann außen vor.

Anders als Bechtler können Investoren wie Wolfgang Joop derzeit kein konkretes Angebot vorlegen. Sie haben nämlich keinen Einblick in die Unternehmenszahlen. Der Datenraum soll erst dann geöffnet werden, wenn die Gläubiger für den Verkauf an einen externen Investor votieren, sagt Grub. Unter diesen Interessenten ist Joop einer der Favoriten, meint Grub: „Wolfgang Joop ist uns sehr willkommen.“ Der Designer, der in Potsdam mit seiner Firma Wunderkind Haute Couture für Männer und Frauen schneidert, hat eine Gruppe von Investoren um sich versammelt. Deren Namen will er nicht nennen. Rund 500 Millionen Euro Investitionsvermögen vereinigt die Gruppe auf sich, heißt es in Kreisen der Investoren – allerdings soll nicht das ganze Geld in Schiesser, sondern auch in andere Projekte fließen.

Joop hat mit Schiesser Großes vor. Er will das Sortiment deutlich verkleinern, sich vor allem auf die Linie Feinripp konzentrieren und das Auslandsgeschäft ausbauen. „Wir trauen uns zu, den Umsatz innerhalb von drei Jahren zu verdoppeln“, sagte er kürzlich dem „Handelsblatt“. Bereits im Mai war Joop am Bodensee und hat die Firma besucht. Bei den Schiesser-Beschäftigten kommt der Designer gut an. Von „Euphorie“ nach dem Besuch spricht Betriebsratschef Schädler. „Wenn Joop kommt, gibt es andere Unterhosen“, würden die Kollegen sagen. Schädler rechnet mit einer „Joop- Manie“, falls der Modemacher den Zuschlag bekommt. Am Mittwoch soll die Belegschaft informiert werden. Dann sind alle schlauer. Heike Jahberg

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben