Transrapid : Aus der Schwebe

Weil die Kosten immens gestiegen sind, stoppt die Politik den Transrapid. Die Hersteller geben sich gegenseitig die Schuld.

Carsten Brönstrup,Antje Sirleschtov
Transrapid
Das Transrapid-Werk von Thyssen-Krupp in Kassel. -Foto: ddp

Berlin - Nach dem Aus für die Magnetschwebebahn Transrapid in München streitet die Industrie darüber, wer die Schuld am Scheitern des Projektes trägt. Siemens-Chef Peter Löscher machte die Bauindustrie indirekt für die Kostensteigerung von 1,85 auf 3,4 Milliarden Euro verantwortlich. Die Baufirmen um Hochtief verwiesen auf eine verfehlte und veraltete Kostenkalkulation. „Der Standort Deutschland hat damit ein wichtiges Leuchtturmprojekt verloren“, kritisierte Deutsche-Bahn-Chef Hartmut Mehdorn, dessen Konzern die Strecke betreiben wollte. Die Wirtschaft will am Transrapid festhalten. „Wir sehen diese Technologie weiter als wichtige Exporttechnologie Deutschlands“, sagte Löscher.

Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) erklärte in Berlin, die Strecke vom Münchener Flughafen zum Hauptbahnhof sei nicht finanzierbar. Zuvor hatte er mit Bayerns Ministerpräsident Günther Beckstein und Vertretern der Industrie gesprochen. Das Konsortium aus Siemens und Thyssen- Krupp sowie die Baufirmen Hochtief, Bilfinger Berger und Max Bögl hatten bei dem Treffen neue Berechnungen über die Baukosten für die 37 Kilometer lange Strecke vorgelegt. „Unter diesen Umständen kommt eine Realisierung nicht infrage“, sagte Tiefensee. Beckstein unterstrich, Bayern habe immer zum Transrapid gestanden, „aber nicht um jeden Preis“.

Im September 2007 hatte die Industrie noch zugesagt, den Transrapid für 1,85 Milliarden Euro bauen zu können. Bayern wollte 490 Millionen Euro schultern, der Bund 925 Millionen. Zur Ursache der Kostensteigerung auf 3,4 Milliarden sagte ein Hochtief-Sprecher, an der ursprünglichen Kalkulation aus dem Jahr 2004 sei man nicht beteiligt gewesen. Zusätzliche Tunnel, mehr Lärmschutz und komplexere Vorhaben hätten aber die Bauzeit verlängert und die Kosten in die Höhe getrieben. Hinzu kämen steigende Preise bei Kupfer, Stahl und Zement. „Dabei haben wir mit sehr spitzem Bleistift gerechnet.“ ZusätzlicheRisiken, die beim Bau hätten auftreten können, seien nicht einmal berücksichtigt. Grundsätzlich sei man vom Transrapid aber überzeugt. Vermutungen, die Industrie hätte bewusst die Kosten zu niedrig angesetzt, um das Projekt voranzutreiben und Mehrkosten später durchzusetzen, wiesen am Donnerstag weder Tiefensee noch Beckstein zurück. CSU-Chef Erwin Huber wies der Wirtschaft die „alleinige Verantwortung“ für das Scheitern des Vorhabens von seiner Ansicht nach „nationaler Bedeutung“ zu.

Siemens und Thyssen-Krupp beschäftigen zusammen 450 Mitarbeiter, die an der Antriebstechnik und an den Zügen selbst arbeiten. Darunter sind auch rund 50 Siemens-Ingenieure am Standort Berlin. Ein Konzernsprecher sagte, der Bau der Magnetbahn hätte 5500 Menschen beschäftigt, im Dauerbetrieb wären 750 Stellen entstanden. Ein Stellenabbau sei nun aber nicht geplant. „Wir können die Leute problemlos in anderen Projekten einsetzen.“ Man wolle allerdings an dem Zug festhalten. „Wir hoffen jetzt auf eine Verlängerung der Strecke in Schanghai sowie auf Verbindungen in den USA und in Bahrain.“ Thomas Schlenz, Betriebsratschef im Thyssen-Krupp-Konzern, nannte die Entscheidung „ein vernichtendes Signal für tausende Arbeitsplätze“ und befürchtet „ein Ende der in Deutschland entwickelten Hochtechnologie“. Thyssen- Krupp hatte 2006 erklärt, ein Verkauf der Technik ins Ausland sei denkbar.

Das Transrapidprojekt in München war von Beginn an umstritten. Insbesondere auf Betreiben von Bayerns Ex-Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) war das Projekt vorangetrieben worden. Der Plan war eine zehnminütige Verbindung zum Flughafen im Zehn-Minuten-Takt. Die Gegner hatten aber stets die Lärmbelästigung kritisiert und als Alternative einen Ausbau der bestehenden S-Bahn- Strecke vorgeschlagen. Auch der SPD-regierte Stadtrat Münchens war gegen den Transrapid – Oberbürgermeister Christian Ude begrüßte denn auch das Scheitern. Stoiber wertete das Ende dagegen als „vor allem für Bayern schmerzlich“. Das nun vorhandene Geld müsse auf jeden Fall in Hochtechnologieprojekte gesteckt werden, vor allem im Freistaat. Minister Tiefensee sagte der Industrie zu, sie bei der Suche nach neuen Kunden auch außerhalb Chinas zu unterstützen. Die aktuelle Entscheidung habe „nichts mit dem Vertrauen der Bundesregierung in die Technologie“ zu tun.

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