Wirtschaft : Treffpunkt Tagesspiegel: "Ein Auto ist doch keine Waschmaschine"

csp

Das Internet wird einen wachsenden Einfluss auf den Autohandel und dessen Vertriebsstrukturen ausüben. Was bisher hauptsächlich für den Gebrauchtwagenmarkt galt, wird bald auch für den Kauf von Neuwagen von großer Bedeutung sein. Ob künftig auch Kaufhäuser und Supermärkte dem klassischen Kfz-Vertragshändler Konkurrenz machen werden, hängt vor allem davon ab, inwieweit die Europäische Kommission die so genannte Gruppenfreistellungsverordnung (GVO) in Kraft lassen, verändern oder abschaffen wird. Zu diesen Übereinstimmungen kam es in einer sonst kontrovers geführten Diskussion beim "Treffpunkt Tagesspiegel" im Hotel Intercontinental. Unter der Moderation des ehemaligen Wissenschaftssenators George Turner debattierten Befürworter und Skeptiker des klassischen Automobil-Vertraghandels über die Zukunft der Branche. "Bereits heute werden 30 Prozent aller Gebrauchtwagen Internet-gestützt verkauft", sagte Ferdinand Dudenhöffer, Professor an der Fachhochschule Recklinghausen. Kunden würden bald auch gebrauchte Autos nach eigenem Wunsch bestellen können, prophezeite er. Wie in den USA werde sich die Markttransparenz bei Neu- wie Gebrauchtwagen stark erhöhen. "Der Handel wird seine Regal-Funktion verlieren und dafür zum Vor-Ort-Marketing-Partner werden." Dagegen hielt Rolf Leuchtenberger, Präsident des Zentralverbands Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe, die Wirkung des Internets auf den Neuwagen-Handel für übertrieben: "Die Euphorie mit dem Internet wird verrauschen." Er glaubt zwar auch an den Strukturwandel in der Branche, nicht aber an deutlich sinkende Kosten oder niedrigere Preise für die Kunden: "Wenn man die Vertriebskosten wirklich senken könnte, hätten es Importeure schon längst getan." Walter Missing, Vertreter des Daimler-Chrysler-Vertriebs, meinte, dass sich nur wenige Kunden einen Preisvorteil vom Internet-Kauf versprächen. Jedoch: "Das Internet wird alles verändern - beim Hersteller, Händler und Kunden." Er plädierte für eine Symbiose: "Wichtig ist es dem Kunden, Autos zu riechen, zu fühlen, auszuprobieren - nachdem er die Informationen aus dem Internet gezogen hat."

Während die Vertragshändler das Internet eher als Chancen begreifen, sehen sie den möglichen Einstieg des Einzelhandels in den Automarkt als Bedrohung. Bisher garantiert die GVO, dass Hersteller die Händler zum Verkauf nur einer Automarke verpflichten können, ihnen dafür aber ein Gebietsmonopol überlassen. Sollte die EU die GVO aus Wettbewerbsgründen kippen, wären Kaufhäuser sehr am Autoverkauf interessiert, betonte Johann D. Hellwege, Hauptgeschäftsführer des Verbands der Mittel- und Großbetriebe des Einzelhandels. Schließlich ließen sich dazu mit dem Auto auch Zubehör oder Reisen verkaufen."Aktiv auf die Öffnung des Vertriebs zuarbeiten tun wir jedoch nicht", sagte Hellwege. Leuchtenberger erteilte den Überlegungen des Handels eine Absage: "Ein Auto ist doch nicht zu vergleichen mit einer Waschmaschine." Beratung, Wartung und Reparatur könnten nur Vertragshändler leisten. "Der exklusive Vertragshandel ist das beste System", stimmte Missing zu. Allerdings gab Dudenhöffer zu bedenken: "Die Wettbewerber heißen nicht Aldi oder Tchibo, sondern sind Firmen wie General Electric, Finanzdienstleister und Autovermieter."

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