Wirtschaft : Trendforschung: "Ein Trend lässt sich nicht machen"

Herr Müller[wie erfährt ein Trendforsch]

Francis Müller ist Trendforscher beim Hamburger Trendbüro.



Herr Müller, wie erfährt ein Trendforscher, dass aus Geschmacksveränderungen ein neuer, langfristiger Trend entsteht?

Wir führen permanent ethnografische Interviews in den verschiedenen Szenen und befragen rund um den Globus unsere Korrespondenten. Das sind meist Menschen, die vor allem in Medienberufen arbeiten und die eine natürliche Affinität zu neuen Trends und Veränderungen der Konsum- und Lebensgewohnheiten haben.

Darf man sich meist ziemlich junge Men-schen vorstellen, die sich die Nächte in Cocktailbars und Clubs um die Ohren schlagen?

Solche Trendscouts gibt es, aber wir setzen sie bewusst nicht ein. Wir versuchen, unsere Trendforschung auf einer, sagen wir, wissenschaftlicheren Ebene anzusiedeln. Aber auch unsere Korrespondenten lassen uns natürlich wissen, was in den Restaurants in London oder New York gegessen oder in Paris zurzeit getragen wird.

Ist es für Sie schwieriger geworden Trends aufzuspüren, weil es zu viele davon gibt, weil heute jeder macht, was er will?

Die Individualisierung hat zur Desorientierung der Unternehmen geführt, die auf einen Trend aufspringen und Geld verdienen wollen. Man kommt heute immer leichter an immer mehr Informationen heran, die sich aber häufig widersprechen. Daraus Produktentscheidungen abzuleiten, wird zunehmend schwieriger.

Gibt es einen Unterschied zwischen Moden und Trends?

Ja. Ein Trend erscheint nicht plötzlich in einer "In"-Liste, aus der er kurze Zeit später wieder herausfällt, um in der "Out"-Liste zu landen. Trends sind langfristige Strömungen, die in einem gesellschaftlichen Kontext stehen, möglicherweise lange Zeit unter der Oberfläche und in der Subkultur bleiben und irgendwann massenkompatibel werden.

Zum Beispiel?

"Modernes Nomadentum" - unter dieser Überschrift lässt sich ein Trend zu mehr Flexibilität und größerer Mobilität festmachen. Das hat beim Walkman begonnen, dann zum Handy geführt und im vergangenen Jahr zum Beispiel den Boom der Kickboards ausgelöst.

Lässt sich ein solcher Trend "machen"? Oder reagieren die Werbung und die Hersteller nur auf eine gegebene Entwicklung?

Ein Trend lässt sich nicht machen. Man kann sicher einen Mythos rund um eine Marke aufbauen und sie mit Bedeutung aufladen. Aber der Kickboard-Hersteller, der als erster den Tretroller auf den Markt gebracht hat, wusste nicht, welchen Trend er damit unterstützt oder ausgelöst hat. Es gibt kein Rezept für erfolgreiche Trends.

Gilt das auch für die Kopie von Trends? Die USA gelten für Europa als der Trendsetter Nummer Eins?

Das ist ein Klischee, das leider einen ziemlich hohen Wahrheitsgehalt hat. Mit kürzerer oder längerer Verzögerung werden Trends aus den USA von uns übernommen.

Was steht uns denn noch bevor?

Ich denke da an die plastische Chirurgie, die in den USA zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist. Dieser Trend ist in Europa noch nicht angekommen.

Und wo sind wir den Amerikanern voraus?

Bei Handys und Techno. Mit dem mobilen Telefonieren liegen wir vorn. Und die aus der Subkultur zum Massenphänomen aufgestiegene Technokultur ist in den USA nur eine Randerscheinung. Hierzulande hat Techno einen ganz neuen Konsumtrend ausgelöst.

Wie kann man an einem Trend verdienen?

Indem die Ergebnisse der Marktforschung, die die quantitative Datenbasis liefert, mit der Trendforschung, die sich mit der psychologischen Befindlichkeit der Konsumenten befasst, kombiniert werden. Beides ergänzt sich. Wir geben diese Informationen an Konsumgüter- oder Kosmetikhersteller, Automobilkonzerne, Zigarettenfirmen oder Medien weiter. Die lassen unsere Trendwerte in ihre Entwicklung, in das Marketing und das Design einfließen. Und wenn der Mix stimmt, wird ein trendiges Produkt daraus

0 Kommentare

Neuester Kommentar