Trennung von Osram : Siemens erfindet sich neu

Der Konzern trennt sich von Osram und schafft eine neue Sparte. Mit grünen Technologien soll das Wachstum beschleunigt werden.

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Ins rechte Licht gerückt. Diese Fußgängerbrücke in Moskau erstrahlt mit Lampen von Osram.
Ins rechte Licht gerückt. Diese Fußgängerbrücke in Moskau erstrahlt mit Lampen von Osram.Foto: ddp

Berlin Diesmal geht es nicht um ein Problem, das Siemens dringend loswerden möchte. Diesmal geht es um einen Schatz: Osram. Die Tochter, so glaubt der Vorstand, könnte sich unter anderer Regie besser entwickeln. Daher soll der Aufsichtsrat des Unternehmens, der sich am heutigen Montag trifft, dem geplanten Börsengang der Lichttechniktochter Osram zustimmen. Noch eine weitere wichtige Entscheidung steht auf der Tagesordnung: Neben Industrie, Energie und Gesundheit soll ein vierter Sektor geschaffen werden, der den Namen „Infrastructure and Cities“ tragen soll. Mit größerem Widerstand ist im Kontrollgremium nicht zu rechnen.

Die Zustimmung der Arbeitnehmer könnte sich Vorstandschef Peter Löscher dadurch sichern, dass Siemens auch nach dem Börsengang bei Osram beteiligt bleiben will. Siemens werde auf absehbare Zeit die Mehrheit abgeben, aber „ein stabiler Ankeraktionär bleiben“, erfuhr das „Handelsblatt“ aus Unternehmenskreisen. Zudem hat Siemens durchaus ein Eigeninteresse, mit der profitablen Tochter verbunden zu bleiben.

Bisher standen Produkte im Fokus - bald sind es die Kunden

Der Börsengang ist frühestens im Herbst, aber noch für dieses Jahr geplant. Vermutlich wird Siemens zunächst noch die Mehrheit behalten. „So ein Trumm kann man nicht in einem Schritt an die Börse bringen, das geht in diesen Größenordnungen nicht“, heißt es in Branchenkreisen. Die Analysten von Unicredit schätzen den Börsenwert von Osram auf etwa fünf Milliarden Euro. Das Unternehmen mit einem Jahresumsatz von 4,7 Milliarden Euro beschäftigt weltweit 40 000 Mitarbeiter, 1750 davon in Berlin. Osram arbeitet schon jetzt recht selbstständig. Allerdings muss in den kommenden Jahren kräftig investiert werden.

Erhebliche Veränderungen im Konzern wird auch das zweite Vorhaben bringen. In dem neuen vierten Sektor soll vor allem das Geschäft mit den rasch wachsenden Megastädten dieser Welt gebündelt werden. Hier sieht sich Siemens mit seinen Produkten – von der U-Bahn über intelligente Stromnetze bis zur Gebäudetechnik – als weltweiter Marktführer. Bisher jedoch gehen die einzelnen Siemens- Abteilungen nach eigener Einschätzung hier nicht koordiniert genug vor.

Zum neuen Sektor Infrastruktur und Megastädte sollen die Gebäude- und Verkehrstechnik aus dem bisherigen Industriebereich gehören sowie die Stromverteilung aus dem Energiebereich. Als Ergebnis entsteht eine Einheit mit einem Umsatz von knapp 20 Milliarden Euro. Für den Chef der neuen Sparte – er ist noch nicht bekannt – wird der bislang achtköpfige Siemens-Vorstand nach „Handelsblatt“- Informationen um einen Posten erweitert. Durch die Neuordnung schrumpft vor allem der Industriesektor mit seinen rund 35 Milliarden Euro Umsatz.

Der Zustand des Unternehmens sei besser denn je

„Dieser Umbau geschieht aus einer Position der Stärke heraus“, kommentiert Bernd Laux, Analyst der Investmentbank Cheuvreux. „Der Zustand des Unternehmens ist besser denn je.“ Anders als in früheren Zeiten stehe Siemens diesmal nicht unter Druck. „Das Management ist in der glücklichen Lage, das Unternehmen aktiv so positionieren zu können, dass es in den kommenden zehn Jahren von den Wachstumsmärkten profitiert“, sagt Laux. „Diesmal geht es nicht darum, Kosten zu sparen oder Arbeitsplätze abzubauen, sondern darum, das Wachstum zu beschleunigen.“ Tatsächlich sieht der Analyst aber noch Potenzial. Die bisherige Struktur des Unternehmens – die Einteilung in Sparten und Divisionen – habe dazu geführt, dass die einzelnen Divisionen im Zweifel nur das eigene Produkt verkauft haben und nicht das gesamte Angebot von Siemens im Blick hatten. „Besser ist es, dem Kunden maßgeschneiderte Gesamtlösungen anzubieten“, sagt Laux. Genau dafür steht nun der neue vierte Sektor.

Vor allem die Struktur der Industrie- Sparte sei vom Kapitalmarkt kritisch gesehen worden, sagt Laux. „Sie ist sehr stark diversifiziert und hier finden sich viele Dinge wieder, die nicht zum Kern des Geschäfts, nämlich der Automatisierungs- und Antriebstechnik gehören.“ Sinnvoll sei es daher, den Industrie- vom Infrastrukturbereich zu trennen. Im Zentrum dieses neuen Infrastrukturbereichs sollten nach Meinung des Analysten grüne Technologien für Städte stehen. Hier sieht er großes Wachstumspotenzial.

Die Trennung von Osram soll noch in diesem Jahr erfolgen

Von anderen Geschäften sollte sich der Konzern dagegen zügig trennen, meint der Analyst. Gemeint sind die Minderheitsbeteiligungen an Voith Hydro, Siemens Enterprise Communications und Siemens Nokia Networks (NSN). „Das sind vor allem die Finanzbeteiligungen, auf die Siemens keinen unternehmerischen Einfluss hat, die Kapital binden und dabei keine adäquate Rendite erzielen“, sagt Laux. „Das Kapital kann man im Kerngeschäft besser einsetzen.“ Doch besonders für den Sanierungsfall NSN sei keine schnelle Lösung in Sicht.

Dagegen soll die Trennung von Osram noch in diesem Jahr erfolgen. Auch das Hörgerätegeschäft hält Laux für einen Verkaufskandidaten. „Beide Geschäfte erfolgen zum Teil direkt mit dem Endkunden – das sind Geschäfte, die Siemens nicht liegen“, meint der Analyst. Hinzu kämen etwa bei Osram die kurzen Produktlebenszyklen, der damit verbundene hohe Investitionsbedarf in neue Technologien und die harte Konkurrenz aus Asien. Bei den Hörgeräten wiederum müsste Siemens stark in den Vertrieb und eigene Läden investieren, um beim Endkunden erfolgreich zu sein. „Das stellt eine große Herausforderung für Siemens dar“, sagt Laux. (mit HB)

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