Wirtschaft : Trichet und die Vertrauensfrage

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JeanClaude Trichet steht nichts mehr im Weg auf seinem Weg zum Präsidentenamt der Europäischen Zentralbank (EZB). Der Staatsanwalt legt keinen Einspruch gegen den Freispruch Trichets ein. Trichet waren illegale Aktionen zur Rettung der staatlichen Bank Credit Lyonnais vorgeworfen worden. Seine Ernennung zum EZB-Chef sollte beim EU-Gipfel in Thessaloniki diskutiert werden.

Trichet ist für die Zentralbank prädestiniert. Er ist für eine starke Währung. Er sieht die Geldpolitik nicht als Werkzeug zur Wirtschaftsankurbelung oder als Arbeitsbeschaffungsprogramm, sondern als Mittel, um der Wirtschaft ausreichend Liquidität zu verschaffen und um die Preise stabil zu halten. In Trichets Zeit als Chef der französischen Zentralbank ging die Inflation zurück, waren die Zinsen niedrig und das Wachstum groß. Er forderte Steuerreformen in Europa, und es bleibt zu hoffen, dass er das auch auf seinem neuen Posten tun wird.

Wenn er auch von den Verdächtigungen im Zusammenhang mit der Credit-Lyonnais-Affäre freigesprochen wurde, hat er aber hoffentlich seine Lektion aus diesem Skandal gelernt, der die französischen Steuerzahler mehr als 17 Milliarden Dollar kostete. Nach dem Freispruch ist die Sache für Trichet abgeschlossen – aber er hat noch einiges zu tun, um die Art seiner Ernennung vergessen zu machen. Frankreich wollte Trichet 1998 gegen den Wunschkandidaten aller anderen EU-Staaten, Wim Duisenberg, durchsetzen. Selbst als Trichet wegen der Credit-Lyonnais-Affäre als untragbar erschien, beharrte Präsident Chirac auf seinem Kandidaten – zumindest für die Nachfolge Duisenbergs.

Diese Art von Proporz könnte man leicht als EU-typisch abtun, aber man sollte dabei nicht vergessen, dass die Glaubwürdigkeit der EZB daran gemessen wird, dass sie unabhängig über solchen Schachereien steht. Dies zu beweisen, wird Trichets größte Herausforderung sein. Erfolg im französischen Establishment ist das Eine, die Unabhängigkeit von diesem Establishment vor den Augen Europas zu beweisen das Andere. Wenn er sich dem Job stellt, den seine Regierung für ihn durchgesetzt hat, wird er sich – Karrierepolitiker, der er ist – von der politischen Klasse, die ihn aufgebaut hat, trennen müssen. Er ist dann immerhin der Chef einer der mächtigsten Zentralbanken überhaupt.

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