Wirtschaft : Trostpflaster vom Schaffner

Bei Verspätungen im Fernverkehr teilt die Bahn Reisegutscheine aus – auf freiwilliger Basis / Ab Oktober tritt eine neue Kundencharta in Kraft

Bernd Hops,Heike Jahberg

ZU SPÄT, ZU VOLL, ZU DRECKIG? WAS FAHRGÄSTE VERLANGEN KÖNNEN

Von Bernd Hops

und Heike Jahberg

Am Ostermontag war es wieder einmal so weit. Um 15.01 Uhr sollte der ICE 547 von Düsseldorf in Berlin ankommen, doch bis der Zug dann wirklich im Bahnhof Zoo einrollte, war es 15.30 Uhr. Aufgehalten worden war der Zug wegen eines Unfalls auf der Strecke. Die Fahrgäste gingen leer aus: Denn Ersatz für Verspätungen gibt es bei der Bahn erst nach 30 Minuten. Und das auch nur auf freiwilliger Basis.

Zwar sind die Züge im Fernverkehr in den vergangenen Monaten deutlich pünktlicher geworden, dennoch lassen sich Pannen nie ganz vermeiden. Treten die auf, liegt es im Ermessen der Bahn, ob und wie sie ihre Kunden entschädigt. Während es im Nahverkehr oft gar keine Entschädigungen gibt (siehe Artikel unten), haben sich im Fernverkehr bestimmte Regeln für den Schadenersatz herauskristallisiert:

Sind IC oder ICE mindestens 30 Minuten zu spät, dann sollten betroffene Reisende ihren Zugbegleiter ansprechen. Hier gibt es einen Reisegutschein im Wert von zehn Euro. Kommt der Zug mehr als 30 bis maximal 70 Minuten später als geplant an, dann sind nach Erfahrungen der Verbraucherzentrale NRW 15 bis 20 Euro drin. Bei noch größeren Verspätungen – allerdings nur beim ICE – gibt es maximal 25 Euro – auch wiederum in Reisegutscheinen, nicht in bar.

Kunden müssen ihre Ansprüche aber schnell geltend machen. Um Missbrauch zu verhindern, verlangt die Bahn, dass man zügig reklamiert. Wer sich mit dem Gang zum Reisezentrum mehrere Wochen Zeit lässt, kann nicht mehr unbedingt auf ein Entgegenkommen der Bahn setzen.

Neben Verspätungen gibt es von der Bahn auch Entschädigungsgutscheine bei einer Reihe anderer Mängel. Muss ein Reisender zum Beispiel seine Fahrt auf Grund eines Zugausfalls mit dem Taxi fortsetzen, gibt es bis zu 75 Euro. Bei einer ausgefallenen Klimaanlage sind bis zu 40 Euro möglich.

Aber mit diesen Behelfsregelungen ist es ab dem 1. Oktober vorbei. Dann tritt die Selbstverpflichtung der Bahn, die so genannte „Kundencharta“ in Kraft. Zwar hatten Verbraucherschützer immer wieder eine gesetzliche Regelung gefordert, aber schließlich gab sich Verbraucherministerium Renate Künast (Grüne) doch mit weniger zufrieden. Gegen eine Selbstverpflichtung der Bahn sei nichts zu sagen, wenn sie funktioniert, heißt es im Bundesverbraucherschutzministerium. Bevor wieder an ein Gesetz gedacht werde, wolle man erst einmal Erfahrungen mit der neuen Charta sammeln. Und die sieht Folgendes vor:

Kommt ein Fernverkehrszug – egal ob IC oder ICE – mit mindestens 60 Minuten Verspätung an, dann haben die betroffenen Fahrgäste Anspruch auf eine Entschädigung über 20 Prozent des Fahrkartenwerts. Neu ist dabei die Regelung, dass die gesamte Reise als Kriterium gilt. Bisher wurde nur die Verspätung der einzelnen Züge auch einzeln entschädigt. Ab Oktober gilt die Differenz zwischen der versprochenen Ankunftszeit und der tatsächlichen – egal wie oft zwischendurch die Züge gewechselt werden müssen.

Verbesserungen gibt es für Kunden, die in der Nacht wegen einer Verspätung oder eines Zugausfalls stranden. Wer seine Reise nicht bis 24 Uhr wie geplant fortsetzen kann, für den übernimmt die Bahn entstehende Taxikosten oder eine Hotelübernachtung (bis 80 Euro). Nach der heutigen Kulanzregelung müssen Kunden bis ein Uhr ausharren.

Mit der Selbstverpflichtung will sich die nordrhein-westfälische Verbraucherschutzministerin Bärbel Höhn jedoch nicht zufrieden geben. Trotz der Kundencharta arbeitet das Land NRW weiterhin an einer Gesetzesinitiative, mit der Fahrgastrechte im Bahn-Fernverkehr gesetzlich festgeschrieben werden sollen. „Es kann nicht sein, dass sich die Bahn auf über 100 Jahre alte Ausnahmeregelungen beruft“, kritisiert die grüne Ministerin. Zwar will Höhn erst einmal „einen Winter lang“ die Erfahrungen mit der Bahncharta abwarten, „aber wenn die Kunden weiterhin unzufrieden sind, dann kommen wir mit unserem Gesetz“, droht die Ministerin. Unterstützung erhält Höhn vom VCD: „Dass die Politik sich mit der Bahncharta zufrieden gibt, ist zu kurz gesprungen“, heißt es beim Verkehrsclub Deutschland. Es müsse eine gesetzliche Regelung für Entschädigungen bei allen öffentlichen Verkehrsmitteln auf den Weg gebracht werden. Auch Bärbel Höhn sieht den Fernverkehr nur als ersten Schritt. „Langfristig muss es verbindliche Entschädigungsregeln auch für den Nahverkehr geben“, sagt sie.

Jedenfalls für Fernverkehrsträger soll es zumindest eine zentrale Beschwerdeinstanz für Kunden geben. Egal, ob sie nun Ärger mit ihrem Flugzeug oder ihrem ICE haben, können sie sich ab Herbst an die unabhängige Schlichtungsstelle Mobilität wenden. Allerdings ist noch nicht im Verkehrsministerium entschieden worden, wo die Schlichtungsstelle angesiedelt werden soll. Für den Nahverkehr wurden bereits Erfahrungen gesammelt. Seit mehr als zehn Jahren gibt es eine für das gesamte Bundesgebiet zuständige Schlichtungsstelle in NRW, die Kunden unterstützt und zwischen Fahrgästen und Verkehrsunternehmen vermittelt.

Die Schlichtungsstelle finden Sie im Internet unter www.schlichtungsstelle-nahverkehr.de. Per Post erreichen Sie die Schlichter über die Verbraucherzentrale NRW, Mintropstraße 27, 40215 Düsseldorf

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