Wirtschaft : Trotz des Geldwäsche-Vorwurfs: Der IWF will Kredite an Russland nicht stoppen

Der IWF-Direktor Camdessus sieht "keinen Grund für eine Blockade". US-Kongress fordert weitere Überprüfungen

Der internationale Währungsfonds (IWF) hat in der Affäre um die angebliche Veruntreuung von internationalen Finanzmitteln weitere Untersuchungen auf russischer Bankenseite verlangt. Einen vorläufigen Stopp der Russland bereits zugesagten Kredite werde es laut IWF aber nicht geben. In den USA werden inzwischen Überprüfungen bei Finanzinstituten weltweit nicht ausgeschlossen. In der Schweiz traf unterdessen ein Vertreter des russischen Generalstaatsanwalts zu Gesprächen über Bestechungsvorwürfe gegen den russischen Präsidenten Boris Jelzin ein.

IWF-Direktor Michel Camdessus erklärte in einem am Dienstag veröffentlichen Interview der französischen Tageszeitung "Liberation", er habe wegen der Vorwürfe weitere Untersuchungen über das Verhältnis zwischen der russischen Zentralbank und ihren Auslandspartnern verlangt. Der IWF bestehe auf Regelungen, die die russische Zentralbank zur gleichen Transparenz wie andere Zentralbanken verpflichte. Die russische Zentralbank habe dem IWF die Unwahrheit über ihre Reserven von 1996 und über ihre Transaktionen mit ihrem Auslandsunternehmen Fimaco gesagt.

Die Vorwürfe, veruntreute IWF-Gelder seien über die Bank of New York gewaschen worden, seien kein Anlass für eine völlige Einstellung der Zusammenarbeit mit Russland. Der dem Land im Juli zugesagte Kredit in Höhe von 4,5 Mrd. Dollar werde nicht zurückgehalten. Die Mittel würden nur von einem IWF-Konto auf ein anderes transferiert. "Es gibt daher keinen Grund für eine Blockade", erklärte Camdessus.

In den USA verlangte unterdessen der einflussreiche Vorsitzende des Bankenausschusses im Repräsentantenhaus, Jim Leach, die Affäre müsse zumindest auf der Ebene der Gruppe der wichtigsten sieben Industriestaaten (G-7) erörtert werden. Der Umfang der vermuteten Veruntreuung verlange eine Überprüfung der Beziehungen zu Russland und eine koordinierte Reaktion des Westens. Leach schloss nicht aus, dass über die gegenwärtigen Untersuchungen der Operationen der Bank of New York und der Republic National Bank of New York hinaus auch andere Institute in den USA und in den Finanzmetropolen Westeuropas in die Überprüfung einbezogen werden könnten. Der Bankenausschuss will im September Anhörungen über die Affäre abhalten. Die Bank of New York hat inzwischen eine interne Untersuchung und eine Überprüfung der Kontrollen angekündigt.

Die Zeitung "USA Today" und das "Wall Street Journal" hatten in der Vorwoche berichtet, zwölf ehemalige oder amtierende russische Regierungsvertreter hätten Geldwäsche in Höhe von rund 15 Mrd. Dollar über Konten bei den Banken Bank of New York und Republic National Bank betrieben. Sie sollen Gelder des Internationalen Währungsfonds (IWF) und des Nahrungsmittelhilfsprogramms der USA für Russland veruntreut haben. In die Affäre seien hohe russische Politiker wie der Jelzin-Vertraute und frühere Finanzminister Anatoli Tschubais, bekannte Geschäftsleute, Bankenmitarbeiter sowie Jelzins Tochter Tatjana Djatschenko verwickelt. Vertreter des IWF betonen aber bislang, sie hätten in der Affäre keine Anhaltspunkte für eine Veruntreuung von IWF-Geldern entdeckt.

Ermittelt wird außerdem in der sogenannten Mabetex-Affäre. Am Montag abend reisten Vertreter der russischen Staatsanwaltschaft zu Gesprächen in die Schweiz. Die italienische Zeitung "Corriere della Sera" hatte berichtet, die Schweizer Baufirma Mabetex habe Jelzin mit einer Mill. Dollar bestochen, um Aufträge für die Sanierung des Kreml zu bekommen. Das Geld soll Jelzin auf ein Konto in Ungarn überwiesen worden sein. Die Firma Mabetex soll außerdem für Jelzin und seine beiden Töchter Djatschenko und Jelena Okulowa Kreditkartenrechnungen übernommen haben. Die Schweizer Justiz wirft insgesamt 24 Mitarbeitern aus Jelzins engstem Umkreis vor, von Mabetex Schmiergelder angenommen zu haben. Das russische Präsidialamt hatte die Vorwürfe zurückgewiesen.
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