Wirtschaft : Trotz dicker Luft dünne Auftragsbücher

REINHARD LÜCKMANN (HB)

Umwelt-Branche leidet unter stagnierenden Umsätzen / Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen bleibt schwach / Messe Envitec in DüsseldorfVON REINHARD LÜCKMANN (HB) DÜSSELDORF.An vielen Orten der Welt stinkt es sprichwörtlich zum Himmel.Insbesondere die Industrienationen erzeugen jährlich wachsende Volumen an Abfallstoffen, die entsorgt werden müssen.Wohin mit dem Dreck? Atmosphäre (Abluft), Wasserkreisläufe (Abwässer, Chemikalien) und Deponien (Feststoffe, Hausmüll) haben die Grenze ihrer Kapazität erreicht oder bereits überschritten.Daher wird der integrierte Ansatz des Umweltschutzes, also die Vermeidung und Minimierung von Umweltbelastungen durch Kreislauf-Syteme (Recycling) sowie Verbesserung der Öko-Effizienz in der Produktion immer wichtiger.Entsprechend hoch beziffern Experten dann auch den weltweiten Bedarf an Gütern und Dienstleistungen für den Umweltschutz, nämlich mit rund 800 Mrd.DM.Davon entfallen etwa 11 Prozent, also 80 Mrd.DM, auf Deutschland.Doch Papier ist bekanntlich geduldig: Spiegelt doch dieser Bedarf, der je nach politischer Richtung unterschiedlich definiert wird, keinesfalls gleichzeitig die umsatzwirksame Nachfrage wider.Diese ist erheblich niedriger und steht in einem krassen Gegensatz zum oben bezifferten Potential.Der Grund: Umweltschutz ist zwar ein Politikum ersten Ranges, wird jedoch von der Wirtschaft in der Regel nachrangig behandelt gemäß dem Motto: Umweltschutz kostet mehr, als er bringt.Kritiker werfen der Industrie vor, daß sie meist nur den gesetzlich zwingenden Minimalaufwand leistet.Faktoren, wie Konjunkturflaute, verschärfter Wettbewerb mit internationalen Konkurrenten, die ihrerseits an lascheren Vorschriften gebunden sind, drücken zusätzlich die Nachfrage.So stellt denn auch das Münchener Ifo-Institut im deutschen Markt Sättigungstendenzen fest.Die Ausgaben der westdeutschen Industrie für Umweltschutz seien von Ende der 80er bis Mitte der 90er Jahre gesunken, ergab eine Analyse des Institutes für das Umweltbundesamt.In Ostdeutschland stagnierten die Ausgaben nach dem Wiedervereinigungsboom.Auch der Staat gebe immer weniger für Umweltschutz aus.In der Tat haben die ursprünglich starken Impulse auf dem Inlandsmarkt deutlich nachgelassen.Nach der Euphorie folgte die Ernüchterung.Sorgten Anfang der 90er Jahre noch der Aufbau der Abfallversorgung in Ostdeutschland und die Einführung des Dualen Systems ("Grüner Punkt") für eine kräftigen Umsatzschub, so trat in der folgenden Zeit rasch Ernüchterung ein.Was von Politikern und Branchen-Gurus einst als der Zukunftsmarkt gepriesen wurde, entpuppte sich für die Entsorgungswirtschaft immer mehr als eine Schimäre, die aufgrund zu hoch gegriffener Prognosen eine Investitionslawine auslöste.Die Folge sind unausgelastete Kapazitäten und unter dem Strich auch rote Zahlen.So stellte die IKB Deutsche Industriebank AG, Düsseldorf, anhand einer Auswertung von 62 Abschlüssen der Jahre 1994/95 von mittelständischer Unternehmen der Entsorgungswirtschaft zwar noch steigende Nettoumsätze, jedoch eine nachlassende Ertragskraft fest.Bei Sonderabfallentsorgern sei die Umsatzrendite 1995 sogar erstmals negativ gewesen.Die Entsorgungs-Dienstleister erreichten 1997 Schätzungen zufolge einen Umsatz von rd.75 Mrd.DM.Führend sind hier 10 Großunternehmen allen voran die Unternehmensgruppe RWE-Entsorgung, die rund 23 Prouent des gesamten Marktvolumens abdecken.Etwa 42 Prozent wird von Mittelständlern bestritten.Etwa 6000 Klein- und Kleinstentsorger teilen sich mit einem einen Marktanteil von 35 Prozent den Rest.Mit gesicherteren Daten könne dagegen die Nachsorgende Umweltschutztechnik aufwarten, erklärte der Präsident der Fachmesse Envitec und Chef der Babcock Anlagenbau GmbH, Heino Martin.Die in diesem Segment tätigen Unternehmen erzielten nach seinen Angaben 1997 einen Umsatz von 5,6 Mrd.DM.Damit habe man das Niveau des Vorjahres gerade halten können.Dabei beklage die Branche insbesondere die schwache Nachfrage aus dem Ausland."Angesichts der weltweiten Umwelt- und Entsorgungsprobleme - z.B.in den Staaten Osteuropas einerseits und dem hohen technologischen Stand der deutschen Anbieter andererseits - müßte der Auftragseingang wesentlich höher sein", erklärte Martin.Die Bereitschaft, mehr für den Umweltschutz auszugeben, bestehe jedoch derzeit nur begrenzt.So würden die Ausfuhrquoten der Bereiche Luftreinhaltung, Abwasser- und Abfallbehandlung nur zwischen 20 und 35 Prozent erreichen.Im Vergleich zum deutschen Maschinen- und Anlagenbau, der eine Exportquote von rund 60 Prozent aufweisen kann, sei dies ein sehr niedriger Wert.Die Branche erwartet daher von der diese Woche in Düsseldorf stattfindenden Envitec (2.3.-6.3.) vor allem auch für die Ausfuhr kräftige Impulse.Mit 1137 Ausstellern, davon 20 Prozent au dem Ausland, liegt die Präsenz etwas unter dem Niveau der Vorveranstaltung 1995, zu der rund 51 000 Besucher kamen.

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