Wirtschaft : Trotz Stagnation: Die Deutschen werden nicht ärmer

Das Geldvermögen schrumpft, aber der Reichtum bleibt gewaltig. Die Bundesbürger haben 3,658 Billionen Euro auf der hohen Kante

Anselm Waldermann

Berlin. Die Konjunktur scheint sich langsam zu erholen, immer mehr Wirtschaftsprognosen verbreiten Optimismus – und dann diese Schreckensmeldung: Zum ersten Mal seit Bestehen der Bundesrepublik ist im vergangenen Jahr das Geldvermögen der Deutschen geschrumpft – um 15 Milliarden Euro auf 3,658 Billionen Euro. Dies gab der Bundesverband deutscher Banken (BDB) jetzt bekannt.

So dramatisch, wie die Nachricht auf den ersten Blick erscheint, ist sie jedoch nicht: „Die Deutschen sind keineswegs ärmer geworden“, beruhigt Tanja Beller vom BDB. Denn das Minus beim Geldvermögen ist unter anderem auf Umschichtungen ins Sachvermögen zurückzuführen. Zumindest an fehlendem Kapital sollte der Aufschwung also nicht scheitern: Reichtum ist in Deutschland immer noch genug vorhanden.

Laut BDB ist die Verkleinerung des Geldvermögens den Börsenkursen geschuldet. So hat sich das Aktienvermögen der Deutschen im vergangenen Jahr von 347 Milliarden Euro auf 166 Milliarden Euro mehr als halbiert. Auch die Vermögenswerte bei Investmentfonds waren rückläufig – von 435 auf 425 Milliarden Euro. Ermittelt haben diese Zahlen Statistiker der Bundesbank.

Andere Anlageformen, die ebenfalls zum Geldvermögen zählen, erfreuten sich 2002 hingegen zunehmender Beliebtheit. So besaßen die Deutschen Sparguthaben bei Banken sowie Bargeld im Wert von 1,341 Billionen Euro – im Vorjahr waren es nur 1,262 Billionen. Auch die Geldanlagen bei Versicherungen entwickelten sich positiv, von 929 auf 994 Milliarden Euro, ebenso wie bei festverzinslichen Wertpapieren von 381 auf 394 Milliarden Euro. Sonstige Vermögenswerte wie Beteiligungen an Gesellschaften mit beschränkter Haftung beliefen sich 2002 auf 338 Milliarden Euro nach 319 Milliarden im Vorjahr.

„Das geringere Geldvermögen ist vor allem bewertungsbedingt“, erklärt Tanja Beller. „Sobald die Aktienkurse steigen, ist das Minus wieder wettgemacht.“ Da der Deutsche Aktienindex seit Ende 2002 von rund 2900 Punkten auf mittlerweile über 3300 Punkte gestiegen sei, könne man von einem „schnellen Aufholprozess“ des Geldvermögens ausgehen.

Der Bundesbank zufolge waren auch Umschichtungen für das schrumpfende Geldvermögen verantwortlich. „Die Deutschen sind verstärkt auf sichere Sachvermögenswerte umgestiegen“, erklärt Bundesbanksprecherin Gabriele Reitz-Werner. Zum Sachvermögen zählen vor allem Immobilien, aber auch andere Wertgegenstände wie teure Kunstwerke und ähnliches.

Vermutungen, Deutschland zehre derzeit von der Substanz, weist Reitz-Werner deshalb zurück. „Das Gegenteil ist der Fall: Es wird nicht entspart, sondern mehr gespart.“ Vor allem das steigende Bedürfnis nach privater Altersvorsorge sei der Grund dafür. So legten die privaten Haushalte 2002 insgesamt 144,2 Milliarden Euro auf die hohe Kante, dies entspricht einer Sparquote von 10,4 Prozent. 2001 hatte die Quote bei 10,1 Prozent gelegen.

Für hartnäckige Skeptiker, die sich dadurch noch nicht beruhigen lassen, hat Tanja Beller vom Bundesverband deutscher Banken wenigstens einen Trost: „In anderen europäischen Ländern hat sich das Geldvermögen auch nicht anders entwickelt als in Deutschland.“

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