Wirtschaft : Tschechien: Führungsstil wie im Protektorat

Ludmila Rakusan

Deutsche Manager in Tschechien sind mächtig in die Defensive geraten. Ihnen wird vorgeworfen, gegen Arbeiterrechte zu verstoßen und tschechische Gesetze zu missachten. Die Investoren behandelten einheimische Arbeitnehmer "wie im Protektorat", schrieb das Prager Magazin "Respekt" zu Wochenbeginn. Und der Vorsitzende des böhmisch-mährischen Gewerkschaftsverbandes CMKOS, Richard Falbr, warnte, niemand dürfe sich anmaßen, "Tschechen als Zwangsarbeiter zu behandeln".

Mehrere Fälle aus der jüngsten Vergangenheit sollten die Vorwürfe untermauern: So zwingt die Supermarkt-Kette Kaufland Falbr zufolge ihre Angestellten, in das Geschäft zurückzukehren und Waren auszupacken, nachdem diese die Stechuhr am Abend bereits passiert hätten.

Und in der Siemens-Niederlassung in Stribro bei Pilsen sollen die Gewerkschaftler während der Verhandlungen über Arbeitspausen für Fließbandarbeiter mit dem örtlichen Siemens-Chef Helmer Weltersbach dermaßen in Streit geraten sein, dass er ihrem Gewerkschaftsbüro schriftlich mit Rausschmiss aus dem Betriebsgelände gedroht habe. In der Bosch-Niederlassung in Jihlava soll das deutsche Management die Arbeiter dazu angestiftet haben, die Gründungsversammlung der örtlichen Gewerkschaftsorganisation zu vereiteln. Die Gewerkschaftler waren von den nicht-organisierten Bosch-Diesel-Arbeitern niedergebrüllt und mit Tomaten und Eiern beworfen worden. Die Bosch-Manager bestritten den Vorwurf, ihren Angestellten bei geglückter Gewerkschaftsgründung Lohnkürzungen in Aussicht gestellt zu haben. Dagegen sagte CMKOS-Chef Falbr, die mehreren hundert Randalierer seien mit Bussen gekommen, die von Bosch Diesel bezahlt worden seien.

Der Leiter von Bosch Diesel, Heiner Hillmann, fühlt sich zu Unrecht attackiert. "Wir tun für unsere Arbeiter sogar mehr, als bei Bosch üblich ist", sagt er. Siemens-Manager Weltersbach wirft den "Gewerkschaftsbossen" vor, sie würden Aussagen "aus dem Zusammenhang reißen", um für anstehende Neuwahlen "Kapital zu schlagen".

Deutschfeindliche Emotionen, mit denen Falbr die geschilderten Arbeitskonflikte belegt, spiegeln jedoch nur einen Teil der geschichtlichen Last wider, die tschechische Gewerkschaften mit sich schleppen. In den Jahrzehnten der kommunistischen Herrschaft waren sie williges Werkzeug der Partei und büßten ihre Autorität gänzlich ein. Heute ist lediglich jeder vierte Arbeitnehmer in Tschechien gewerkschaftlich organisiert. Die Mehrheit dieser Mitglieder arbeitet in maroden Großbetrieben. Andererseits erlebt Tschechien derzeit einen regelrechten Boom an ausländischen Investitionen. Da die Arbeitsproduktivität verglichen mit Deutschland nur bei rund 60 Prozent liegt, steigt der Leistungsdruck in Niederlassungen westlicher Unternehmen stetig an.

Petr Greger, Direktor des von fünf westeuropäischen Industriekammern gegründeten Euro-tschechischen Forums, gibt zu bedenken, dass die offizielle tschechische Agentur "Czechinvest" ausländische Unternehmer mit dem ausdrücklichen Hinweis auf den niedrigen Gewerkschaftseinfluss im Lande anlockt. Unter den rund 1200 Firmen, die 1999 untersucht wurden, verfügten nicht einmal 40 Prozent über örtliche Gewerkschaftsorganisationen, wirbt "Czechinvest". Da die Kollektivverträge in Tschechien auf Betriebsebene ausgehandelt werden, müssen sich Firmen ohne Gewerkschaften lediglich nach Arbeitsgesetzen richten. Die Prager Regierung gewähre einem Investor so viele Vorteile, dass dieser sich wie ein Messias fühle, der an Gesetze nicht gebunden sei, glaubt Gewerkschafts-Chef Falbr.

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