Wirtschaft : Tschechische Firmen: Lieber zur Bank als an die Börse

Ladmila Rakusan

Einer der wichtigsten Akteure der Prager Börse, die holländische ABN Amro Bank, hat Ende Januar aufgegeben. Der Handel mit Aktien wurde eingestellt, das Unternehmen reduziert seine Geschäfte aus Obligationen. Die Entscheidung ist nur die Spitze des Eisbergs: allein im vergangenen Jahr verabschiedeten sich zehn Börsenmitglieder vom Prager Parkett. Seit 1995 schrumpfte die Mitgliederzahl von 101 auf 44. Etliche Abgänge gehen auf die strengen Kriterien zurück, unter denen die Kommission für Wertpapiere neue Börsenlizenzen herausgibt. Laut Marketingdirektorin Jana Marcova erzielt die Prager Börse nach wie vor Gewinne und sei insgesamt gesünder als früher. Dennoch kann es so nicht weitergehen: Viele Gesellschaften, deren Aktien Anfang der neunziger Jahre auf den Markt kamen, gingen in den Wirren der Privatisierung unter. Auf eine Neuemission wartet der tschechische Aktienmarkt bis heute vergebens. Im Durchschnitt erreicht das tägliche Volumen der Aktiengeschäfte in Prag lediglich 15 Prozent des Niveaus in Warschau und 20 Prozent des Geschäftsvolumens in Budapest.

Auch hier wirkt die tschechische Privatisierungsmethode negativ nach. Viele Menschen vertrauten ihre Kupons den von den Bankhäusern gegründeten Investmentfonds an. Auf diese Weise kamen Banken nicht selten zu großen Besitzanteilen an Betrieben und diktierten ihnen die Art der Kapitalbeschaffung. Bis heute gehen tschechische Firmen zur Bank anstatt an die Börse, wenn sie Geld brauchen. Um der Börse zu helfen, will die Regierung einen Teil der staatlichen Gesellschaften wie tschechische Telekom, Unipetrol oder die Energiewerke CEZ auf dem Kapitalmarkt anbieten. "Das trägt zur Liquidität der Aktienmärkte bei", sagt Filip Zahorik aus der Kommission für Wertpapiere.

Tschechien muss noch etliche Hausaufgaben erledigen. Neben der Prager Börse gibt es einen zweiten Aktienmarkt, das "RM-System". Oft haben dort gehandelte Aktien einer Firma keinen einheitlichen Preis. Die Weltbank empfahl bereits vor zwei Jahren, die Unterschiede zu beseitigen. In der Slowakei wird bereits an einer Fusion des RM-Systems mit der Börse gearbeitet. Ab Mai dürfen dort nur Börsenmärkte agieren.

In Prag werden Reformen an der Börse mit dem bevorstehenden EU-Beitritt immer zwingender. Um attraktiver für Neuemissionen zu werden, wird jetzt ein "Neuer Markt" etabliert, der Börseneulingen leichtere Startbedingungen bietet. Der Markt soll demnächst vom tschechischen Blechhersteller und VW-Skoda-Zulieferer "Limart" eingeweiht werden.

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