Wirtschaft : Tücken der Statistik setzen das Berliner Landesamt ins falsche Licht

MARTINA OHM

In Wahlkampfzeiten eignen sich Konjunkturdaten in der Öffentlichkeit als Stimmungsmacher.Zum Beispiel das Bruttoinlandsprodukt - die Summe aller Wirtschaftsleistungen, die in einer Region in einem bestimmten Zeitraum erbracht werden.Weil konkrete Daten naturgemäß nicht tagesaktuell erhoben werden können, sind Hochrechnungen und rechnerische Angleichungen an der Tagesordnung.Die Korrekturen, die dann im Regelfall nachträglich vorgenommen werden müssen, liegen zwischen 0,2 Prozent bis 0,3 Prozent.

Doch Ausnahmen bestätigen die Regel.Auch Klaus Voy, beim Statistischen Landesamt Berlin Referatsleiter Gesamtwirtschaft und mithin für die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung zuständig, mußte das unlängst erfahren: Im Rahmen der normalen Bereinigungsrechnungen hatten die Berliner Statistiker nämlich festgestellt, daß die für 1995 ursprünglich veröffentlichte Wachstumsrate für West-Berlin deutlich schlechter ausgefallen ist, als sie in Wirklichkeit war.Statt Nullwachstum berechneten die Ökonomen im Nachhinein ein sattes Wachstum von 2,8 Prozent.Doch damit nicht genug: Die zweite Korrektur wurde postwendend hinterhergeschoben - jetzt soll die verbindliche Rate zwischen 0,5 Prozent und einem Prozent liegen.Man rechnet noch.

Die Industrie- und Handelskammer fand es ungeheuerlich, daß man sich nicht einmal auf die amtlichen Zahlen verlassen könne.Daß die Berliner IHK Alarm geschlagen hat, ist verständlich.Nicht etwa deshalb, weil nun böse Zungen behaupten könnten, das Landesamt unter dem Sozialdemokraten Günther Appel arbeite mit Methode.Die Kammer will vielmehr dafür Sorge tragen, Schaden vom Standort fernzuhalten und das Image der Haupstadt aufzupolieren.Mit optisch eindrucksvollen Zuwachsraten ist das leichter als mit düsteren Prognosen.Bitter, wenn die sich zu allem Überfluß als falsch erweisen.

Schriftlich hatte die Kammer - im traditionell guten Einvernehmen - beim Statistischen Landesamt um Aufschluß über die unklaren statistischen Abweichungen gebeten.Nachdem die Antwort mehrere Wochen hatte auf sich warten lassen, gab IHK-Geschäftsführer Thomas Hertz seinen Unmut in einem Beschwerdebrief zu Protokoll.In einem Hintergrundgespräch wurden den Kammervertretern daraufhin - vierzehn Tage nach dem Paukenschlag - die Ursachen der jüngsten Zahlenakrobatik erläutert.Die 1995 erfolgte Umstellung auf eine EU-konforme Statistik mit einer neuen Gliederung von Wirtschaftsbereichen - so gelten Verlage etwa nicht mehr als Dienstleister, sondern zählen zum Verarbeitenden Gewerbe - führte indirekt zu dem Malheur.Die Bundesstatistiker wählten bei der Berechnung der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung eine andere Systematik als der für die regionale Konjunkturstatistik zuständige Arbeitskreis der Länder.Obendrein benutzten die zuständigen Sachbearbeiter noch eine zu grobe Anpassungsmethode - eine Panne.Die Entschuldigung läßt die Kammer offensichtlich gelten.Die Differenzen jedenfalls scheinen fürs erste bereinigt.Das Grundproblem aber ist damit nicht gelöst: Zurück bleibe die Unsicherheit über die Zuverlässigkeit der Statistiken, bringt IHK-Chefvolkswirt Manfred Kern-Nelle das Problem auf den Punkt.Darüber hinaus macht der Vorfall deutlich: Auch beim Statistischen Landesamt zeigt die Rotstiftpolitik der öffentlichen Hand Wirkung."Unsere Hauptsorge ist, daß die Datenqualität unter dem anhaltenden Sparzwang leiden wird", sagt Kern-Nelle.

Von den einst 500 Mitarbeitern im Landesamt sind nur noch 400 übriggeblieben.Im Bereich volkswirtschaftliche Gesamtrechnung waren früher drei wissenschaftliche Mitarbeiter beschäftigt.Heute ist es nur noch einer.Chefstatistiker Voy: "Ernsthaft kann niemand ausschließen, daß wir uns erneut deutlich korrigieren müssen."

Der Statistiker denkt weiter.Schon bald muß wieder gewaltig gerechnet werden.Weitere Irritationen sind bereits programmiert.Demnächst nämlich werden die indirekten Steuern als Teil der Wertschöpfung einzelner Industriezweige neu verteilt.Das trifft auch die Tabaksteuer, die zu Mauerzeiten noch zu 40 Prozent der West-Berliner Tabakindustrie zugeschlagen wurde.Für West-Berlin, lange Zeit ein Standbein in der deutschen Tabakindustrie, bedeutet das: Die Daten werden rückwirkend niedriger.Mit der tatsächlich erbrachten Leistung aber hat dies nur wenig zu tun.

Alles in allem scheint es an der Zeit, darauf aufmerksam zu machen, daß beim Stala - wie das Landesamt kurz und knapp genannt wird - mehr oder weniger die Luft brennt.Als nachgeordnete Behörde der Senatsinnenverwaltung, der in den vergangenen Jahren mehr als nur eine Leitungsstelle gestrichen wurde, müßte sich konsequenterweise auch der Innensenator mit der Sache beschäftigen.

Das knappe Personal allerdings erklärt manches - alles erklärt es nicht.Mit mehr Wissenschaftlern kann man zwarweitere Fehlerquellen ausmerzen.Doch: "Gute Statistik kann man nur mit guten Leuten machen," versichert Kern-Nelle.Wer sicherstellen möchte, daß die statistischen Ungereimtheiten fortan im Bereich der Toleranz bleiben und mithin das Abbild der Wirklichkeit der Realität deutlich nähergebracht werden kann, muß vor allem Ursachenforschung betreiben.Dabei darf man sich beispielsweise fragen, warum die sogenannte Wertschöpfung im Verarbeitenden Gewerbe immer noch mittels Fragebogen erhoben wird, die aus den 70er Jahren stammen.Zweifellos noch fragwürdiger erscheint allerdings der Umstand, daß alle Daten aus dem Dienstleistungsgewerbe aufgrund mangelhafter gesetzlicher Grundlagen lediglich in Form von Schätzungen Eingang in die Zahlenkolumnen der Statistiker finden.Niemand darf es da wundern, wenn das Wachstum angesichts der kontinuierlichen Ausweitung des Dienstleistungssektors auf diese Weise deutlich unterschätzt wird.Seit längerem liegt ein einschlägiger Gesetzentwurf in den Schubladen des Bundeswirtschaftsministeriums, der das ändern soll.Weil die Politik den Auskunftspflichtigen aus der Wirtschaft aber nicht zuviel zumuten will, ist es bei dieser Hängepartie geblieben.Stala-Direktor Günter Appel sieht indes noch ein grundsätzlicheres Problem: "Selbst wenn sich alle einig wären, würden in Deutschland bestenfalls in zwei Jahren die erforderlichen neuen Gesetze vorliegen." Sind Deutschlands Statistiker also zur Ineffizienz verurteilt? Für IHK-Geschäftsführer Hertz steht fest: "Die jüngsten Berliner Zahlenkapriolen waren nur die Spitze des Eisbergs."

Daß es im statistischen Dschungel auch anders funktionieren kann, beweisen die Niederländer.Hier geht man die Sache wesentlich unkomplizierter an.Ohne den Gesetzesapparat zu strapazieren, können die Statistiker an der Verbesserung ihrer Programme weitgehend in eigener Regie arbeiten.Die Resultate sprechen für sich.Appel ist überzeugt: "In Deutschland reden wir nur noch über Geld.Es wäre sehr hilfreich, wir würden uns mit gleicher Intensität um unsere Ressource Information kümmern." Dem Abbild der Realität wäre man dann sicher einen Schritt näher.

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