Tücken des Alltags : Die Luxusuhr aus dem Internet

In unserer neuen Serie widmen sich Tagesspiegel-Redakteure den Tücken des Alltags. In dieser Folge schildert Björn Seeling, wie er sich vom Schnäppchenfieber übermannen ließ.

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Tücken des Alltags.
Tücken des Alltags.Grafik: Tsp

Ich liebe Internetshopping. Seit Jahren habe ich kein Klamottengeschäft von innen gesehen: Kein Anprobieren in grell ausgeleuchteten Schwitzkästen, während draußen schon der nächste Kunde an der Tür zerrt. Keine Warterei an der Kasse, während einer die Einkäufe seit 1973 umtauschen will. Und natürlich achte ich auf Preise im Netz. Shopping-Clubs wie Brands for Friends, BuyVIP oder Vente-Privée dürfen mich Stammkunde nennen. Hier mal eine Jeans, da mal ein Hemd, Socken und Unterwäsche sowieso. Ich kaufe nur Marken, und auch nur, wenn die Preise okay sind. Neulich allerdings hat mich das Jagdfieber unvorsichtig gemacht.

Es gab bei Brands for Friends schicke Armbanduhren, solche dicken mit Stahlarmband und beinahe mehr Zeigern als der Tag Stunden hat. Runtergesetzt von rund 1800 Euro auf 380 Euro. Die Marke André Belfort klang nach fleißigem Schweizer Handwerker. Ihre Internetseite sah vertrauenswürdig aus, die unverbindlichen Preisempfehlungen deckten sich mit denen von Brands for Friends. Also habe ich das Teil bestellt. Aber als es zu Hause ankam, nobel verpackt in einer glänzenden Holzschachtel, störte mich etwas. War es das Zuviel an Bling-Bling für eine angeblich edle Marke? War es doch der Nachlass von 1400 Euro?

Der Begriff „China-Böller“ tauchte auf

Noch mal gegoogelt, und siehe da: Der Begriff „China-Böller“ tauchte auf, vermeintliche Luxusuhren, die keine 60 Euro wert sind – was ich aber genauso wenig überprüfen konnte wie die Angaben auf der Uhren-Homepage. Außerdem, so las ich weiter, gebe es mittlerweile viele Pseudo-Edelmarken, die mit vermeintlich riesigen Nachlässen im Shopping-TV vertickt werden. Also eine Mail an Brands for Friends geschickt mit der Frage, ob es sich bei meiner Uhr um einen „China-Böller“ handele. Die Antwort (da „es immer wieder zu ähnlichen Anfragen und Kritiken an der Marke André Belfort kommt“) war nichts- wie vielsagend zugleich: Ich erhielt ein Schreiben das „bestätigte“, es handele sich um „Originalware“. Die „enormen Spielräume bei der Preisgestaltung“ erklärten sich durch die „Einsparung von mehreren Vertriebsstufen“. Es würden nur technisch einwandfreie Uhren verkauft, und es gebe ja auch zwei Jahre Garantie.

Der Fachmann empfiehlt das Fachgeschäft

Und was sagen Fachleute dazu? Joachim Dünkelmann, der Geschäftsführer des Bundesverbands der Juweliere, Schmuck- und Uhrenfachgeschäfte, appellierte an den gesunden Menschenverstand: Jeder Verbraucher müsse sich zunächst fragen, ob der tatsächliche Wert einer Ware mit seinem Preisempfinden übereinstimmen könnte. Er kenne keinen Händler, der es sich leisten könne, derart große Nachlässe zu gewähren. Obwohl das Internet per se als Vertriebskanal „nicht schlecht ist“, empfiehlt Dünkelmann den Kauf in einem der 9000 Fachgeschäfte. Dort gebe es bei Zweifeln auch eine zweite Meinung. Schließlich sei eine Uhr ein Produkt, welches man an die eigene Haut heranlasse. Bei meiner habe ich es erst gar nicht so weit kommen lassen.

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