Wirtschaft : Türkei: Reformen wecken Hoffnung

Hugh Pope

Vural Akisik war so zuversichtlich, dass die jüngsten Reformbemühungen der Türkei fruchten würden, dass er jüngst die zweite Zinssenkung um fünf Prozentpunkte bei einer der größten Bankengruppen des Landes anordnete. Wenn Akisik nicht gerade die Zinsen in Ordnung bringt, dann versucht er eifrig, die Gehälter seines Banken-Konglomerats, zu dem auch T. C. Ziraat Bankasi gehört, zusammenzustreichen. Ziraat ist ein 113 Jahre alter Banken-Koloss, dessen Angestellte einst eine lebenslange Beschäftigungsgarantie hatten. "Ziraats Belegschaft hat sich in einem Jahr bereits von 36 000 auf 31 000 Mitarbeiter verringert. Im einem weiteren Jahr wird sich die Zahl auf 17 000 verringern und es werden private Verträge abgeschlossen", sagt Akisik in einem Interview, das er sechs Wochen, nachdem er das Ruder bei Ziraat übernommen hatte, gab. "Mein Ziel ist, 2003 zu privatisieren."

Seit der Zusicherung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank Mitte des Monats, 17,85 Milliarden Euro zur Verfügung zu stellen, um die krisengeschüttelte Wirtschaft des Landes zu sanieren, genießt die Türkei das Vertrauen der Märkte. Wirtschaftsminister Kemal Dervis, ein 52-jähriger Veteran der Weltbank, hat eine Gruppe von Managern zusammengestellt, welche die türkische Wirtschaft auf die Bemühungen des Landes, Mitglied der Europäischen Union zu werden, ausrichten soll. Auch Akisik ist Mitglied dieser Gruppe.

Die Ankündigung von Reformen ist nicht neu: In den vergangenen 15 Jahren hat sich die Türkei durch ein längst fälliges halbherziges Privatisierungs-Programm gewurstelt, aber Dervis und sein Team haben nun den bislang ernsthaftesten Versuch gestartet. "Das ist ein weitaus kompetenteres Expertenteam. Es hat den vollen Überblick, weiß, was zu tun ist und kann das Konzept national und international verkaufen", sagt Ajay Chhibber, Repräsentant der Weltbank in der Türkei. "Wenn Minister Dervis eine klare Chance bekommt, dann kann er - dem Beispiel Brasiliens folgend - in den kommenden zwölf bis 18 Monaten aus dem Schlamassel herauskommen. Aber jeder Schritt wird ein harter Kampf", sagt Chhibber.

Der 56-jährige Akisik hat in den 70er-Jahren zunächst eine kleine Privatbank saniert. Ein Jahrzehnt später hat er eine andere türkische Bank gerettet. Die vergangenen vier Jahre hat er damit verbracht, eine dritte Bank umzustrukturieren. Jetzt ist er damit betraut, Ziraat, T. Halk Bankasi und T. Emlak Bankasi zu sanieren. Die drei staatlichen Banken kontrollieren zusammen 40 Prozent des türkischen Bankensystems und ihre Schulden in Höhe von 20 Milliarden Dollar haben dazu beigetragen, das Land an den Rand des finanziellen Ruins zu treiben. "Ich fühle mich wie ein Hochspringer. Die Latte wird immer höher gelegt", sagt Akisik.

Störende politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Kräfte bedrohen nach wie vor die Reformbemühungen der Türkei. Indem er zusicherte, zusätzliche 8,1 Milliarden Dollar für das dreijährige Deinflationsprogramm zur Verfügung zu stellen, das die Türkei im Januar 2000 gestartet hat, hat der IWF in der vorletzten Woche sein weltweit größtes Programm auf diese Nation mit ihren 65 Millionen Einwohnern gesetzt. Die Weltbank gibt 2,5 Milliarden Dollar hinzu, was die Türkei zu einem der größten Schuldner werden läßt. Beide Kreditgeber haben strenge Bedingungen an die Auszahlung der Kredite geknüpft. Sie haben unter anderem gefordert, dass die Emlak Bank bis zum Ende des Monats liquidiert wird.

Jetzt besuchen internationale Investoren die türkische Hauptstadt, um herauszufinden, ob sie dem 18. IWF-Programm der Türkei seit 1958 ebenfalls Vertrauen schenken sollen. Die Rendite türkischer Anleihen hat sich auf 75 Prozent von nahezu 190 Prozent auf dem Höhepunkt der Krise verringert. Die türkische Lira hat sich von ihrem Fall um fast 50 Prozent gegenüber dem Dollar erholt und liegt jetzt bei unter 40 Prozent. Noch besser erholte sich der Aktienindex: Er war gemessen am Dollar ebenfalls um 50 Prozent abgestürzt und weist jetzt nur noch einen Verlust von 17 Prozent auf.

Das türkische Finanzministerium hat die Hauptprobleme der staatlichen Banken bereits beim Namen genannt: Wechsel, die ausgestellt wurden, um Verluste in Höhe von 14 Milliarden Dollar zu verdecken; Zuschüsse, welche die Banken auf Druck der Regierungen an politisch mächtige Wahlbezirke auszahlen mussten. Die an Landwirte und kleinere Unternehmen ausgezahlten Darlehen seien gesund gewesen, sagt Akisik. Aber die Hälfte der "gewerblichen" Kredite in Höhe von einer Milliarde Dollar würden jetzt als uneinbringliche Forderung eingestuft. Die Regierung spricht von weiteren uneinbringlichen Forderungen in Höhe von mindestens 14 Milliarden Dollar, die die staatlichen Banken belasteten.

Viele Investoren geben an, dass ihre Entscheidung, ob sie zu den unbeständigen türkischen Märkten zurückkehren, von der politischen Einschätzung abhängt: Können Wirtschaftsminister Dervis und sein Team wirklich die Schlangengrube der Vetternwirtschaft bekämpfen, die lange die türkische Politik charakterisiert hat? Die Aussichten könnten schlechter sein. Die türkische Politik ist im Gleichgewicht und die Wahlen im Jahr 2004 scheinen weit entfernt. Dervis hat viele neidische Kollegen in der Regierung, aber sie sind öffentlich diskreditiert und brauchen ihn, um Stabilität in die Wirtschaft zu bringen. Dervis braucht sie dagegen, um seinen Job zu behalten.

Mit im Team ist auch ein neuer Zentralbankpräsident, Sureyya Serdengecti, der wegen seiner Marktkenntnis bewundert wird und von dem erwartet wird, dass er das Beste aus einem neuen Gesetz, das den Zentralbanken Unabhängigkeit garantiert, macht. Junge türkische Technokraten folgen dem Ruf des Wirtschaftsministers, nach Hause zu kommen und Schlüsselpositionen als Vertreter internationaler Organisationen einzunehmen. Kemal Dervis stärkste Rückendeckung kommt von dem schwachen aber beharrlichen Ministerpräsidenten Bulent Ecevit. Unverhohlene Opposition vereint dagegen die Links- und Rechtsextremen des politischen Spektrums, unter denen auch zwei Vorsitzende der aus drei Parteien bestehenden regierenden Koalition sind.

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