Wirtschaft : Türkei: Unternehmer sehen gute Chancen

egl

Die Türkei könnte schneller als viele erwarten wirtschaftlich wieder auf die Beine kommen. Diese optimistische Prognose wagt Sarik Tara, der Chef der Enka-Holdings, einer der führenden Unternehmer der Türkei, in einem Gespräch mit dem Handelsblatt. Tara begründet seine Einschätzung damit, dass die private Wirtschaft des Landes auf soliden Grundlagen operiere und dass ein politischer Konflikt Auslöser der Krise gewesen sei. Die schnelle Erholung der Istanbuler Aktienbörse in den letzten Tagen sei außerdem ein Zeichen, dass viele Anleger mit einer baldigen Überwindung der Krise rechneten. Die Hauptgefahr bleibe jedoch der Rückfall in eine Hyperinflation.

Für die türkische Privatwirtschaft seien die Wachstumsmöglichkeiten auch nach dem jüngsten Rückschlag enorm, so der Unternehmer, dessen Baukonzern nach der deutschen Wiedervereinigung einen großen Teil der Offizierswohnungen in Russland gebaut hatte. Mit dem ehemaligen Weltbank-Vize Kemal Dervis als neuem Finanzminister und Verantwortlichen für das Stabilisierungsprogramm der Türkei habe Regierungschef Ecevit "einen sehr guten Griff getan". Dervis werde nach den Schocks der letzten Zeit nicht nur große Unterstützung von der Regierung, sondern auch von der türkischen Wirtschaft bekommen. Auch das Militär werde ein neues Stabilisierungsprogramm, das in diesen Tagen mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) ausgearbeitet wird, nicht behindern.

Derzeit sind drei Missionen des IWF und der Weltbank dabei, die erforderlichen Fakten für die Neufassung eines makroökonomischen Stabilisierungsprogramms und eines Sanierungsplans für den angeschlagenen Finanzsektor zu sammeln. Nach Tara gehe es dabei vordringlich darum, zwei offene Flanken zu schließen: die vom eskalierenden Haushaltsdefizit ausgehenden Inflationsgefahren in den Griff zu bekommen und das schwer angeschlagene Bankensystem zu sanieren.

Schon mit Blick auf die sich abzeichnende riesige Lücke im Staatshaushalt und den internationalen Kreditspielraum, der zur Ankurbelung der türkischen Exporte nach der Lira-Abwertung erforderlich sei, werde die Türkei erhebliche externe Finanzspritzen benötigen. "Wenn Ministerpräsident Ecevit von der Notwendigkeit spricht, dass die Türkei ein weiteres internationales Finanzpaket von 25 Milliarden Dollar benötigt", sagt Tara, "liegt das am unteren Ende des tatsächlichen Finanzbedarfs." Tara würde es begrüßen, wenn sich auch die EU bei der Überwachung der neuen Finanzspritzen zusätzlich zum IWF stärker engagieren würde.

Nach Ansicht des Enka-Chefs werde Ankaras neuer Hoffnungsträger Dervis auch eine ernste Fiskalkrise vorfinden: Das jüngste Finanzdebakel habe die bereits prekäre Haushaltslage - das Staatsdefizit beträgt 14 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) - noch verschlimmert. Allein die Verteuerung des Schuldendienstes (rund zwölf Milliarden Dollar in 2001 auf die Staatsanleihen) würde das Staatsdefizit mit weiteren drei Prozent vom BIP belasten. Hinzu kämen die in diesen Tagen vom IWF und der Weltbank ermittelten Haushaltsbelastungen der Bankenkrise, aber auch die sich abzeichnende Verteuerung des Schuldendienstes durch die steigenden Realzinsen.

Wenn Dervis in den nächsten Tagen ein neues Sanierungs- und Reformprogramm auflegt, möchten Unternehmer wie der Enka-Chef ihre Vorschläge auch einbringen: "Es wird Zeit, dass der türkische Staat ernsthaft damit beginnt, zumindest einen Teil der riesigen Liegenschaften zu verkaufen und die Privatisierung der Staatsfirmen voranzutreiben."

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