Türkei : "Wie die Sklaven"

Nach dem Tod von acht Arbeiterinnen diskutiert die Türkei über die Arbeitsbedingungen von Frauen.

Thomas Seibert

Istanbul - Als Güldane Ciftci am frühen Morgen des 9. September zur Arbeit aufbrach, wollte ihre Mutter sie zurückhalten. Es regne viel zu stark, sie solle zu Hause bleiben. „Es ist doch erst mein dritter Tag bei der Arbeit“, antwortete Güldane und machte sich auf den Weg zur Textilfabrik Pameks in Ikitelli, einem Industrieviertel auf der europäischen Seite der türkischen Metropole Istanbul. Sie kehrte nicht zurück.

Denn als der Firmen-Transporter, der sie abgeholt hatte, vor der Pameks-Fabrik ankam, brach die Sintflut los: „Das Wasser kam ganz plötzlich, es war unglaublich“, berichtete Gülsüm Senkoglu später. Sie saß vorne im Wagen und konnte sich wie zwei Kolleginnen und der Fahrer retten. Doch Güldane und sechs weitere Frauen ertranken im hinteren Teil des Kastenwagens. Dieser war nicht für den Personentransport zugelassen: Fenster, die als Notausstiege hätten dienen können, gab es nicht. Eine weitere Frau erlag einige Tage später ihren Verletzungen.

„Das ist ein Riesenskandal“, sagte die Anwältin und Frauenrechtlerin Selin Nakipoglu. Nach den schweren Überflutungen in Istanbul Anfang September gingen Bilder von verzweifelten Menschen, die sich inmitten reißender Wassermassen an Busse klammerten, um die ganze Welt. Doch die Tragödie zeigte auch noch etwas ganz anderes, meint Nakipoglu: Millionen von Türken arbeiten jeden Tag unter Bedingungen, die an das 19. Jahrhundert erinnern und die von modernen Standards der Arbeitssicherheit oder Hygiene weit entfernt sind – und Frauen werden ganz besonders leicht zu Opfern. „Wie die Sklaven“ hätten die Frauen bei Pameks gearbeitet, sagte Nakipoglu kürzlich bei einer Protestveranstaltung vor den Werkstoren. „Männer hätten sich über den Kastenwagen beschwert, die Frauen hatten Angst um ihren Job.“

Der Tod der Frauen in der Flut von Ikitelli war nicht der erste Zwischenfall. Im nordwesttürkischen Bursa verbrannten vor drei Jahren fünf Arbeiterinnen einer anderen Textilfirma, als nachts ein Feuer im Betrieb ausbrach. Der Fabrikbesitzer hatte die Tore der Produktionshalle abschließen lassen, die Frauen sollten sich nicht von der Nachtschicht absetzen können. „Immer trifft es die Frauen“, sagte Nakipoglu.

Dabei ist Pameks nicht einmal ein illegaler Hinterhofbetrieb. Die Firma arbeitet für weltbekannte Marken, und sie zahlt ihren Arbeiterinnen den gesetzlichen Mindestlohn von umgerechnet rund 226 Euro netto im Monat. Für dieses Geld mussten die Frauen allerdings bis zu 15 Stunden am Tag und bis zu sieben Tage in der Woche ran, wie Kolleginnen der getöteten Arbeiterinnen in der türkischen Presse berichteten. „Es geht bis abends elf“, sagte eine Arbeiterin. „Und wenn du nicht bleiben willst, sagen sie dir, du brauchst am nächsten Morgen nicht mehr zu kommen.“

Nach dem Tod der acht Frauen nahm die Polizei den Pameks-Besitzer Cevdet Karahasanoglu fest. Derzeit sitzen er und ein leitender Mitarbeiter seiner Firma wegen des Verdachts auf fahrlässige Tötung in Untersuchungshaft. Ein Schadensersatzprozess der Hinterbliebenen der getöteten Frauen ist ebenfalls in Vorbereitung. Zusammen mit Gleichgesinnten will die Anwältin Nakipoglu dafür kämpfen, dass die türkische Gesellschaft die Toten von Ikitelli nicht vergisst. Dass sich an den Zuständen in türkischen Fabriken bald etwas ändert, glaubt sie allerdings nicht. „Das ist ein Kampf auf lange Sicht“, sagte sie. „Das wird vielleicht 50 Jahre dauern. Ich tue das für meine Kinder, für meine Enkel.“

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